Die tote Stimme

Vor einigen Jahren arbeitete ich für ein Archiv, in dem hunderte Interviews von Menschen archiviert sind. Lebensgeschichten von Personen, die noch die Monarchie erlebten, bis hin zu Jugendlichen und deren Wahrnehmungen im Alltag. Kurzum: Es ist eine riesige Ansammlung an Storys. Transkribierte Lebensgeschichten.

Da sitze ich nun an einem Schreibtisch. Soweit alles unspektakulär. Bis eines Tages das Telefon läutete. Am Ende der Leitung war eine Dame vom Schauspielhaus Graz. Sie wollte von mir wissen, ob wir Aussagen von Menschen gespeichert haben, die um die 1920iger Jahre als Kaufleute tätig waren. Im Schauspielhaus war ein Stück geplant, in dem ein Kaufladen aus den genannten Jahren aufgebaut werden sollte. Die Geschichte spielte in den goldenen 1920iger Jahren. Dazu bräuchte Sie Informationen. Über den Alltag, die Waren und Gegebenheiten.

Gesagt getan. Da alle transkribierten Interviewers mit Stichworten versehen sind, konnte ich eine Suche starten. Meine erste Idee war, einmal alle Menschen zu suchen, die Kaufmann als Beruf angegeben hatten. Eine überschaubare Liste kam zum Vorschein.

Nachdem ich die ersten Namen genauer untersucht hatte, blieben meine Augen sofort bei einem Namen stehen. Stefan Egger. Kaufmann. Mein Blick ging langsam in Richtung Heimatort. Bruck an der Mur. Da kam ich ja auch her, dachte ich in diesem Moment noch. Das Geburtsdatum passte ebenso. Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Ich hatte ein Interview von meinem Opa im Archiv gefunden, welches 1987 aufgenommen wurde. Es ist 45 Minuten lang. Niemand in meiner Familie hat davon gewusst. Interviewt hatte ihn ein Student, der damals in der Nachbarschaft wohnte. Mein Opa arbeitet als Kaufmann. Deshalb fand ich das Interview und stieß aus seine Person.

Auch eine Audio-Datei ist dazu vorhanden. Als ich auf Play drückte, hörte ich zum ersten Mal, zehn Jahre nach seinem Tod, seine Stimme wieder. Er sprach über seine Kindheit in Bad Mitterndorf und andere Details aus seinem Leben, welche ich nicht kannte. Über den Krieg, seine Arbeit und wie er seinen Alltag erlebte.

So hörte ich durch einen Zufall die Stimme meines Opas wieder.

© Michael Egger