Mit offenen Tankklappen durchs Leben

Auf dem Weg in den Urlaub. Alle Menschen sind gestresst. Alle, außer mein kleiner Sohn. Er wartet ruhig vor dem Flugzeug, dass gerade noch betankt wird. Er sieht sich die Menschen an, die ringherum auf das Einsteigen warten. Wir waren zu früh abgeholt worden. Also standen wir vor dem Flugzeug. Nachdem einigen Minuten vergangen waren, stiegen wir ein.

Dritte Reihe, rechts. Sohn bekommt natürlich den Fensterplatz. Als die Sicherheitsanweisungen beginnen, hört er ganz genau zu. Wo sind die Lichter? Wo der Fluchtweg? Und warum haben wir Rettungswesten unter dem Sitz? Ein Sechsjähriger in geistiger Höchstform. Die Vorführung ist zu Ende und er studiert umgehend die Sicherheitshinweise auf dem großen Zettel vor ihm im Sitz.

Bis er plötzlich bemerkt, dass neben seinem Fensterplatz im Flugzeug noch die Tankklappe offen ist. Also wartet er, bis jemand vom Bordpersonal vorbeikommt. Ohne Vorbereitung kniet er sich zu mir in Richtung Gang und sagt laut: "Entschuldigung". Eine Stewardess bleibt stehen. Er sagt zu ihr, dass wir nicht abheben können mit offenem Tankdeckel.

Sie beugt sich zu ihm, sieht ebenfalls aus dem Fenster und bedankt sich und geht zum Kapitän. Da wir in der zweiten Reihe sitzen, sehe ich, dass sie tatsächlich zum Piloten geht. Sie unterhalten sich kurz. Einige Sekunden später ist sie wieder da und bedankt sich bei ihm und sagt: "Der Kapitän lässt seinen Dank ausrichten, dass du gut aufpasst und mithilft. Wir machen die Klappe gleich zu. Hier zum Dank ein paar Spezial-Solettis."

Er bedankt sich. Kurz darauf hören wir, wie die Klappen mit einem lauten "Tock" zugehen. Darauf sagt er zu mir : "Siehst du Papa, gut das ich so gut schaue, die können ja nicht alles sehen. Sonst wären wir vielleicht abgestützt." Kurz darauf heben wir ab.

Als wir wieder zu Hause sind, entdeckt er ein kleines Flugzeug zu Hause, mit dem er schon oft gespielt hatte und sieht, dass es sich um das gleiche Flugzeug gehandelt, wie jenes, mit dem wir abgehoben sind. Modell A 320 einer heimischen Fluglinie. Dazu meinte er dann ganz lässig: "Hier sind wir gesessen, da war der Tankdeckel offen und hier sind die Notausstiege." Danach drehte er sich um und spielte weiter.

Gute Geschichten haben immer eine Botschaft. Deshalb bleiben sie im Gedächtnis haften. Wenn mir Geschichten wie diese wieder einfallen, frage ich mich immer unweigerlich warum? Der offene Tankdeckel ist für mich eine gute Metapher, um unseren eigenen Autopiloten, mit dem wir meist durchs Leben fliegen, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein Blick von Außen öffnet vielleicht neue Perspektiven. Was dem einen sein Sackerl ist, dass er mit sich herumschleppt, ist für mich in Zukunft der offene Tankdeckel, den man zumachen kann, so man ihn sieht.

© Michael Egger