Schuhe, Farben & wichtige Erkenntnisse

Da stand er vor mir. Er kommt gerade vom Kindergarten heim und sieht mich traurig an. In seinen kleinen Augen kann man die Enttäuschung förmlich sehen. Was ist los, frage ich ihn. Aufgeregt überschlägt sich seine Stimme und er antwortet: „Die Schuhe. Die sagen, die sind für Mädchen.“ Wer sind die, erwidere ich. „Die anderen Kinder im Kindergarten. Das macht mich traurig.“ Ich schaue auf seine rosa Schuhe mit den blinkenden Sohlen und meine zu ihn, dass die anderen Kinder nur neidisch sind, da sie auch gerne solche Schuhe hätten. Da beginnt er wieder zu lächeln.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug. Es geht in einen Motorik-Park, weil er Hindernisse und Klettern liebt. Mit seinen kleinen Füßen überwindet er die vielen verschiedenen Stufen und Übungen so gut er kann. Bis vor ihm ein kleines Mädchen ist, die er auf der Strecke eingeholt hat. Er geht langsam hinter ihr her, bis sich diese umdreht. Es dauert nicht lange und sie bemerkt seine Schuhe. Sie fragt ihn, warum er solche Schuhe an hat. Die sind doch für Mädchen.

In diesem Augenblick schaut er sie an und meint mit ruhiger Stimme: „Ich mag meine Schuhe. Ich finde die Farbe sehr schön und sie blinken, wenn es dunkel ist oder wenn ich hüpfe. Schau mal.“ Das Mädchen schaut ihm noch ein paar Sekunden zu, während er zu hüpfen beginnt, lächelt und geht dann weiter. Mein kleiner Sohn schaut mich zufrieden an.

Zuhause angekommen frage ich ihn wieder, wie es ihm gegangen ist, als das Mädchen ihm die Frage zu seinen Schuhen gestellt hat. Er meint humorvoll darauf, dass deren Schuhe nicht blinken konnten und sie vermutlich auch gerne solche Schuhe gehabt hätte.

Das Schöne an diesem Moment war, dass ich erkannte, dass mein kleiner Sohn noch nicht genormt war, wie es Vera Birkenbihl treffend formuliert hat. Buben blau und Mädchen rosa. Dieses Weltbild, diese Normen, prägen uns von Kindheitstagen an. Was richtig und was falsch ist. Als mein kleiner Sohn damals nach Hause kam, mit Tränen in den Augen, wurde sein Weltbild erschüttert. Wieso mag niemand meine rosa Schuhe?

Es liegt daher an uns, nicht schwarz und weiß, oder wie in diesem Fall, rosa und blau zu denken, sondern ab und zu Buntheit zuzulassen. Ich habe mir danach im Übrigen solidarisch ein rosa Hemd gekauft. Passt noch heute gut.

© Michael Egger