Glück

Unruhig wälzte ich mich von einer Seite zur anderen, mir war eiskalt, der Schüttelfrost ließ jede Sehne meines Körpers erbeben. Heftig prasselte der Regen gegen die Zeltplane. Ein großes Loch klaffte am Ende meines Schlafsacks, meine Zehen spürte ich kaum mehr.

Prokletije, zurecht wurden diese Kalkkathedralen die verwunschenen Berge genannt. Bisher hatten sie mir nichts Böses gewollt, fünf Tage waren wir bei traumhaftem Wetter durch teils unberührte Gebirgslandschaften marschiert, doch vor wenigen Stunden war sintflutartiger Regen über uns hereingebrochen. Völlig durchnässt und ausgefroren hatten wir unter einer Kiefer unser Zelt aufgebaut.

In jenem Moment verfluchte ich diesen ganzen Trip, mochte nur nach Hause. Mein Magen rumorte, immer wieder überkam mich ein Gefühl von Übelkeit, wie ich es vom Tag nach einer durchzechten Nacht kannte. Auch nun wollte sich mein Körper eines Gifts entledigen. War das Wasser aus dem optisch sauber wirkenden Karstbach in der Rugova-Schlucht, welches ich am Vortag vom Durst getrieben in mich hineinfluten ließ, verseucht gewesen? Oder hatten mir gar die Stechmücken, die uns in Schwärmen überfallen hatten, einen Erreger injiziert, der sich nun langsam in meinem Körper ausbreitete? Auch unsere Lebensmittel kamen für mich in Verdacht, waren diese doch nun schon tagelang bei teils brütender Hitze in den Rucksäcken gewesen.

Nun begann es mich zu würgen, mein Bauch zog sich zusammen und der Geschmack von Galle stieg mir den Rachen hoch. Musste ich mich wirklich übergeben? Panik überkam mich, ich durfte bloß nicht ins Zelt kotzen. Mit einem Schwung richtete ich mich auf und suchte krampfhaft in der Dunkelheit nach dem Reißverschluss des Zelteingangs, den ich erst nach einer gefühlten Ewigkeit fand. Meine Lippen waren wie versiegelt, dahinter sammelte sich bereits die giftige Schlacke, die in Schüben aus meinem Unterleib nach oben befördert wurde. Barfuß, nur mit einer Unterhose bekleidet, stürmte ich hinaus in die Kälte und übergab mich über ein Moosfeld direkt vor unserem Zelt.

Das damit einhergehende qualvolle Stöhnen hatte meinen Freund und Wanderkameraden, der derweil einen beneidenswerten, tiefen Schlaf genossen hatte, aufschrecken lassen.

"Alles klar da draußen?"

Ich spuckte zwei-, dreimal aus, um mich des ekelhaften Geschmacks zu entledigen. Dann blickte ich rauf zum Himmel. Es hatte aufgehört zu regnen und zwischen den Wolkenfetzen, die sich mit einer aufkommenden Brise langsam zu verziehen begannen, war plötzlich das Firmament in seiner vollsten Pracht zu sehen. Der Vollmond ließ die Gegend in mystischem Licht erstrahlen und rundherum ragten die Gipfel des Prokletijes wie Pfeilspitzen in den prachtvollen Nachthimmel. Kurzzeitig war der Ekel wie weggefegt und ich verspürte ein überwältigendes Glücksgefühl genau dort, wo zuerst noch das Gift nach oben geströmt war.

"Alles klar, wir bekommen schönes Wetter morgen", antwortete ich voller Erleichterung.

© Michael Santner