Neuland

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Neuland | story.one

Etwa fünf Stunden dauerte die Fahrt mit dem Bus. Je näher wir dem Ziel kamen, desto größer wurde die Anspannung. Jeden Moment würden wir unsere Gastfamilien zum ersten Mal treffen. Nach einer knappen Woche in New York City, in der wir auf die Aufgaben als Au Pairs vorbereitet wurden, war es an der Zeit, in unser neues Leben einzutauchen. Schließlich verlangsamte sich die Fahrt und endete auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Ich stieg aus dem Bus und blickte nervös in die wartende Menschenmenge. Ehrlichgesagt hatte ich keine Ahnung, wo ich war. Ich wusste nur, dass wir irgendwo im Norden von Virginia, nicht allzu weit weg von Washington DC sein mussten.

Bepackt wie ein Sherpa löste ich mich aus der Gruppe von Au Pairs und steuerte zielgerichtet auf den dunkelblauen Minivan zu, den ich bereits von Fotos kannte. Davor standen ein blondes Mädchen, etwa in meinem Alter, und mit einem großen Lächeln, meine zukünftige Gastmutter. Aufgeregt winkten sie mir zu. Das bisherige Au Pair würde noch eine Woche da sein, um mich einzuarbeiten. Die Begrüßung war herzlich, dennoch fühlte es sich etwas seltsam an. Mein Gastkind war zu dieser Zeit noch mit seinem Vater unterwegs, ich würde die beiden später treffen.

Nach zehn Minuten bogen wir in die Auffahrt des Hauses. Das zweistöckige Anwesen lag in einer ruhigen Siedlung etwa fünf Minuten westlich von Alexandria. Mein Zimmer war im oberen Stockwerk zwischen dem Kinderzimmer und dem Büro - als ich die Koffer abstellte, setzte ich mich auf mein neues Bett und atmete tief durch. Ich war angekommen.

Nach einer langen Dusche saß ich mit meiner Gastmutter am Küchentisch - wir tranken Kaffee und warteten auf die Ankunft meines Gastkindes. Schließlich öffnete sich die Haustür - ich hörte meinen Gastvater, dann den Kleinen. Er wollte mit seinen Zügen spielen. Als sie in die Küche kamen, schlug mein Herz wie verrückt. Er musterte mich, verstummte und versteckte sich - er war unglaublich schüchtern. Wir gingen alle zusammen in den Keller - dort befand sich das Spielzimmer. Er beschäftigte sich intensiv mit seinen Holzzügen. Alles was ich vorerst bekam, waren ein paar kurze und verstohlene Blicke.

Es dauerte noch mindestens drei Tage, bis er mich nicht mehr ignorierte. Thomas die Lokomotive erwies sich als perfektes Mittel, um unsere Beziehung langsam aufzubauen. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie viele hundert Stunden wir an diesem Spieltisch mit den Zügen verbringen würden.

Die erste Woche war anstrengend und aufregend. Ich war äußerst froh, dass das alte Au Pair noch da war, um mir mit meinen neuen Aufgaben zu helfen. Als sie schließlich ihre Koffer packte, dämmerte mir nach und nach, dass ich nun auf mich allein gestellt sein würde. Die Nacht vor meinem ersten Arbeitstag schlief ich äußerst schlecht, aber als ich um acht Uhr im Auto saß und mit meinem Kleinen auf dem Weg zum Kindergarten war, fühlte ich mich für meine neue Aufgabe mehr als bereit.

© Michael Schoberleitner 11.05.2020