Spiegel-Spiegel-Schulter

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Spiegel-Spiegel-Schulter | story.one

Ich habe mich oft gewundert, warum Mitteleuropäer, vor allem Deutsche und ÖsterreicherInnen, als Au Pairs in den USA so begehrt sind. Naheliegend sind die bekannten Klischees wie Pünktlichkeit, Korrektheit und das Halten an Regeln. Bald zeigte sich aber ein weiterer Aspekt: Unsere Führerscheinausbildung.

Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem die Ausbildung zum Lenken eines Fahrzeugs so penibel und umfangreich ist, wie im deutschsprachigen Raum. Je nach Modus, den man wählt, ist man gut und gerne mehrere Monate, wenn nicht sogar ein Jahr, damit beschäftigt. Den Schein bekommt man schlussendlich nur, wenn man tausende Fragen lernt, den Motorraum eines Autos beschreiben kann und im praktischen Teil keinen Fehler macht.

In den USA darf man durch ein Abkommen, je nach Herkunftsland, mit seinem heimischen Führerschein einen Wagen lenken. Österreich war zu meiner Au Pair Zeit nicht Teil dieses Abkommens, also musste ich wohl oder übel nach einer Toleranzphase von zwei Monaten den amerikanischen Führerschein machen.

Der Prozess begann mit dem Download des Prüfungsbuchs - oder eher Prüfungshefts. Knackige 30 Seiten lagen vor mir. Die wichtigsten Verkehrsschilder und Regeln wurden erklärt. Besonders lehrreich: Eine Abbildung über eine halbe Seite, in der mit Pfeilen erklärt wird, dass wenn das Auto auf einem Bahnübergang liegen bleibt, man nicht auf den Schienen davonlaufen sollte. Zwecks Zug und so wärs. Ein paar Minuten investierte ich schließlich doch in die mir neuen Verkehrsschilder.

Der Tag beim DMV, der amerikanischen Führerscheinstelle, begann morgens um acht mit der Anmeldung. Ein Foto wird direkt am Schalter gemacht - dann wartet man ein paar Stunden. Die theoretische Prüfung fand an einem Gerät statt, dass eher an einen Ticketautomaten beim Bahnhof erinnerte. Nach 30 Fragen und maximal zehn Minuten war ich fertig - zurück zum Wartebereich. Am späten Vormittag begann die praktische Prüfung.

Gemeinsam stiegen ich und die Fahrlehrerin in meinen Minivan - sie musterte die Unterlagen. Aus Österreich also. Gottseidank hat sie sich einen Kaffee mitgenommen, merkt sie an, das wird eine Pause. Trotz der lockeren Atmosphäre ging ich, angelehnt an meine Prüfung in Österreich, in den angespannten "alles muss perfekt sein" Modus über und rollte vorsichtig vom Parkplatz auf die Straße. 300 Meter geradeaus, dann rechts. Ich blickte in beide Rückspiegel, dann über die Schulter. Blinker an. Die Fahrlehrerin war verwirrt und schaute nach hinten. Aja, ihr müsst ja immer über die Schulter blicken. Sie lachte, rollte mit den Augen und machte sich eine Notiz. Noch zwei Mal Rechtsabbiegen, dann waren wir wieder am Parkplatz.

Ich bekam das Formular zurück und brachte es zum Schalter. Etwa vier Stunden nach der Erstanmeldung hielt ich meinen neuen amerikanischen Führerschein in den Händen. Gekostet hat es mich ganze 21 Dollar – etwas weniger als die mehr als 1.000 Euro in Österreich.

© Michael Schoberleitner 12.05.2020