Nachtflug nach Arkadien I./13

Dunkel dröhnend begannen die Propeller sich zu drehen. Das betagte Flugzeug sollte bald zur Startbahn Zagreb's rollen. Ein letztes Mal durchschritt die Stewardess die spärlich besetzten Reihen. Ich sah aus dem Fenster auf die beleuchteten Gebäude. Dort stand die Düsenmaschine, mit der wir von München gekommen waren. Wie fast jedes Jahr langen nun meine wunderbaren Sommerferien bei der Großmutter in “Arkadien” vor uns. Damals saß ich allerdings alleine auf den unbequemen Sesseln, da sich mein Bruder entschied mit der “Ente” nach Dalmatien zu reisen. Dies erlaubte ihm einige Dinge mitzunehmen, die es in der Heimat unseres Vater nicht gab. Nach dem Aufheulen der beiden Sternmotoren, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in die Sternennacht auf machten. Während der ersten Turbulenzen vernahm ich ein leises Stöhnen, drehte mich um und erstarrte für einen Augenblick. Zwei mandelbraune verängstigte Augen suchten nach Hilfe. Sie zitterte und hielt sich an meiner Lehne. Ohne zu zögern bot ich ihr an an meine Seite zu kommen. Ihre dunkle Stimme und das gebräunte Gesicht lösten ein schon bekanntes Gefühl in mir aus. War es nur eine romantische Verliebtheit?

Kurz nach diesem Erlebnis, das mich noch öfter beschäftige, erschien die freundliche Stewardess und bot einige Getränke an. Ich könne nun zum Offizier gehen, sagte sie und schritt voraus. Was nun? Meine Unentschlossenheit mußte Serena bemerkt haben, denn es folgte die Bitte mich doch zu erheben. Sie munterte mich mit den Worten “bis gleich” auf und kurz darauf bereitete mir der Kapitän einen herzlichen Empfang:“Willkommen, setz dich und schnalle dich an”. Bestimmt ging er davon aus, das ich seinen Dialekt verstünde, da ich mit meinem Namen angekündigt worden war. Der Blick in die Mond helle Nacht und über die nahe Küste löste tiefe Zufriedenheit und Ruhe aus. Die abgedunkelte Kabine und die Piloten vermittelten Geborgenheit und Sicherheit. Das folgende Gespräch deutete dem Offizier an, das ich fliegerische Kenntnisse besaß und er setzte sein Gespräch mit dem Tower in Englisch fort. Nach dem Wetterbericht kehrte er zum vorigen Sender zurück. Musik erfüllte das Cockpit und alle begannen zu singen. Die Refrains erreichten die Stewardess, die nicht lange auf sich warten ließ. Als sie kam blitzte ein kurzer Gedanke in mir auf: Serena! Weil Split schon in Sichtweite kam, riet mir der Kapitän in die Kabine zu gehen.

Serna hob die Augenlider und ich nahm neben ihr Platz. Wie aus ihren Erzählungen zu schließen, stand sie vor der Matura, aber nicht in Bayern. Die Freude sie bald in Österreich zu besuchen war nur eine kurze emotionale Wallung. Dieser setzte die Landung ein jähes Ende. Mit einem quietschenden Ruck fing der Käpt’n die Convair ab und der Flug fand sein Ende. Jetzt mußte ich mich beeilen, um ihre Adresse zu erfahren. Es folgten die typisch südländischen Begrüßungsrituale. Ein leiser sehnsüchtiger Blick, eine feste Umarmung und wir verloren uns für lange Zeit aus den Augen.

© Michael Stanic