Nachtflug nach "Arkadien"

Dunkel dröhnend begannen die Propeller sich zu drehen. Das betagte Flugzeug sollte bald zur Startbahn Zagreb's rollen. Ein letztes Mal durchschritt die Stewardess die spärlich besetzten Reihen. Ich sah aus dem Fenster auf die beleuchteten Gebäude. Dort stand die Düsenmaschine, mit der wir von München gekommen waren. Wie fast jedes Jahr langen nun meine wunderbaren Sommerferien bei der Großmutter in “Arkadien” vor uns. Damals saß ich allerdings alleine auf den unbequemen Sesseln, da sich mein Bruder entschied mit der “Ente” nach Dalmatien zu reisen. Dies erlaubte ihm einige Dinge mitzunehmen, die es in der Heimat unseres Vater nicht gab. Nach dem Aufheulen der beiden Sternmotoren, dauerte es nicht mehr lange, bis wir uns in die Sternennacht auf machten. Während der ersten Turbulenzen vernahm ich ein leises Stöhnen, drehte mich um und erstarrte für einen Augenblick. Zwei mandelbraune verängstigte Augen suchten nach Hilfe. Sie zitterte und hielt sich an meiner Lehne. Ohne zu zögern bot ich ihr an an meine Seite zu kommen. Ihre dunkle Stimme und das gebräunte Gesicht lösten ein schon etwas bekanntes Gefühl in mir aus. War es nur eine romantische Verliebtheit?

Kurz nach diesem Erlebnis, das mich noch öfter beschäftige, erschien die freundliche Stewardess und bot einige Getränke an. Ich könne nun zum Offizier kommen, sagte sie und ging voraus. Was nun? Meine Unentschlossenheit mußte sie bemerkt haben, denn es folgte die Bitte mich zu erheben. Serena munterte mich mit den Worten “bis gleich” auf und kurz darauf bereitete mir der Kapitän einen herzlichen Empfang:“Willkommen, setz dich und schnalle dich an”. Bestimmt ging er davon aus, das ich seinen Dialekt verstünde, da ich mit meinem Namen angekündigt worden war. Der Blick in die vom Mond erhellte Nacht und über die nahe Küste löste tiefe Zufriedenheit und Ruhe aus. Die abgedunkelte Kabine und die Piloten vermittelten Geborgenheit und Sicherheit. Das folgende Gespräch zeigte dem Offizier, das ich fliegerische Kenntnisse besaß und er setzte sein Gespräch mit dem Tower in Englisch fort. Nach dem Wetterbericht kehrte er zum vorigen Sender zurück. Laute Musik erfüllte das Cockpit und beide begannen zu singen. Die Refrains erreichten die Stewardess, die nicht lange auf sich warten ließ. Als sie kam blitzte ein kurzer Gedanke in mir auf: Serena! Weil Split in Sichtweite war, bat mich der Kapitän in die Kabine zu gehen.

Serna hob die Augenlider und ich setzte mich neben sie. Wie aus ihren Erzählungen zu schließen, stand sie vor der Matura, aber nicht in Bayern. Die Freude sie in Österreich zu besuchen war nur eine kurze emotionale Wallung. Dieser setzte die Landung ein jähes Ende. Mit einem quietschenden Ruck setzte der Käpt’n die Convair auf und der Flug fand sein Ende. Jetzt mußte ich mich beeilen, um ihre Adresse zu erfahren. Es folgten die typisch südländischen Begrüßungsrituale. Ein letzter sehnsüchtiger Blick, eine feste Umarmung und wir verloren uns für lange aus den Augen.

© Michael Stanic