Rüsselzehen

Jeder Mensch oder jedes Tier hat ein Markenzeichen. Etwas, was einen speziell macht. Die meisten denken vermutlich, es muss immer etwas "Schönes, Bewundernswertes" sein - wie wallende Mähne, dicker Kussmund, perfekte Figur oder Wimpern zum Klimpern.

Ich finde meine Rüsselzehen machen mich speziell. Meine zweiten Zehen überragen die ersten um Längen! Sie krabbeln aus jeder Sandale raus, fungieren in Strömungen wie ein Anker, indem sie sich an eine Wurzel krallen, und - sie können sogar die Fernbedienung bedienen;) Zumindest die rechte konnte das. Wie auch immer, trotz ihrer Nützlichkeit taten sie ihn Schuhen natürlich weh. Die Schönsten waren sie auch nicht, wenn ich ganz ehrlich war. Trotzdem entschied ich mich für ein Wagnis: ich wollte mir Sandalen kaufen. Sie würden zwar vorne raus stehen, aber was solls. Sie sollten ihre Freiheit haben.

Gesagt getan. Ich marschierte guten Mutes in der Mariahilfer Straße in ein neu eröffnetes Schuhgeschäft. Enthusiastisch lief ich die Stufen runter, meinen neuen Sandalen entgegen. Plötzlich gab es einen Knall und um mich drehte sich Alles. Mann, tat das weh. Als ich wieder etwas zu mir kam, dämmerte mir, dass ich mit jemanden zusammengestoßen sein müsste. Gegenüber stand - etwas verschwommen - eine Frau. Sofort entschuldigte ich mich natürlich, dass es mir leid täte, ich sie nicht gesehen hätte...

Irgendwie kam sie mir aber auch bekannt vor. Natürlich kannte ich sie. Das war ich. Ich war mit voller Wucht in eine Spiegelwand geknallt. Und weil der Schmerz nicht mehr allzu groß war und ich die Situation komisch fand, fing ich natürlich an zu lachen. Von meinem Selbstgespräch danach mal abgesehen. Als ich mich zur Seite drehte, sah ich die entgeisterten Blicke einer Familie. Sogar die Kinder sahen mich etwas irritiert an, als wenn ich nicht von dieser Welt wäre. Mein Bauch sagte mir "nix wie weg, die kennen die doch eh nicht", der Kopf meinte "weglaufen ist etwas für Feiglinge". Ich hörte natürlich blöderweise auf die falsche Seite, den Kopf. Also dachte ich mir, ignorieren ist die beste Lösung, und versuchte Contenance zu bewahren. Ich ging hocherhobenen Hauptes in den Laden und versuchte mich auf die anwesenden Sandalen zu konzentrieren. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich aber noch die Familie. Und deren Blicke, die mir immer noch nachsahen. In diesem Moment passierte das nächste Malheur. Ich stolperte über einen Berg an leeren Schuhkartons. Die Blicke der Familie sprachen Bände. Ich entschied mich auf mein Bauchgefühl zu hören und verließ den Laden. Natürlich mit hoch erhobenem Hauptes. Dass mein Kopf mittlerweile die Farbe einer dunkelroten Tomate annahm, übersah ich.

Heute trage ich Sandalen. Ich musste meine Füße operieren, wegen Hallux valgus. Da waren meine Rüsselzehen in einem Aufwasch dabei. Auch wenn ich jetzt wieder alle Schuhe tragen kann, ohne Blasen und Schmerzen, so fehlen mir meine Rüsselzehen manchmal. Vor allem, wenn die Fernbedienung zu weit weg liegt;)

© Michaela Knosp