Das ODER durch ein UND ersetzen

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Inspiriert durch einen Weihnachtsbrief eines lieben Freundes zum Thema 'Weiblichkeit und Männlichkeit' möchte ich wieder ein paar Gedanken los werden. Und auch diese sehe ich politisch. Wir leben viel zu oft im 'entweder oder' statt im 'sowie als auch'.Wir grenzen lieber aus, als dass wir Brücken bauen. Ich bin stets auf der Suche nach dem Verbindenden. Was verbindet uns Menschen? Was verbindet uns Menschen mit der Natur, mit unserer Umgebung, mit unseren Nachbarn? Wo liegt der kleinste, gemeinsame Nenner, um darauf aufzubauen? Ist es nicht längst an der Zeit, die Gegensätze zu integrieren, anstatt sie abzulehnen? Wie können wir offen und verbindlich sein, ohne unsere eigene Werte und Grenzen über den Haufen zu werfen? Meine Erfahrung ist, dass dies immer wieder eine Gratwanderung ist. In wie weit kann ich mich selbst und mein Weltbild in Frage stellen, wie weit kann ich auf den Anderen zugehen. Wie viel 'anderes' mute ich mir zu. Martha Gruber (von Marthas Schuhkastl), mit der ich gemeinsam viele Aktivitäten der Aktiven Wirtschaft Neulengbach gestalte, hat unlängst etwas sehr wichtiges gesagt - Mitleid braucht niemand - Mitgefühl jeder. Richtig. Wie weit können wir mit den anderen Menschen um uns 'mitfühlen'? Ist das überhaupt möglich? Da fällt mir ja gleich das 'Zuhören' ein - wir hören ganz oft nur zu, um zu antworten. Aber wirkliches Zuhören bedeutet etwas ganz anderes. Also, wie entsteht das Gelingen einer neuen Gesellschaft, die sich den Herausforderungen der Zukunft kompromisslos und nachhaltig widmet? Wie können wir das Trennende überwinden, um gemeinsam ein gutes Leben vor alle zu ermöglichen? Wobei ich da wahrscheinlich auch wieder nur von mir aus gehe - ich wünsche mir ein gutes Leben für alle. Aber wünschen sich das alle anderen Menschen auch - ein gutes Leben für sich UND die Anderen? Geht es bei vielen um ein gutes Leben für sich, ohne einen Gedanken an andere zu verschwenden? Und dazu fällt mir Wilhelm Raiffeisen ein - sein Leitbild war: 'was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele'. Und er hat auf Selbstverantwortung, Selbstverwaltung und Hilfe zur Selbsthilfe gesetzt. Vor 200 Jahren hat er damals mit dem Prinzip der Genossenschaften viele Menschen aus der Armut befreit. Wo stehen wir 200 Jahre danach? Wenn wir wollen, können wir alles erreichen, nichts scheint unmöglich, Frieden herrscht in vielen Ländern der Erde, wir wissen, wie wir uns ausreichend ernähren können, wir haben in vielen Ländern der Erde viel zu viel Besitz, wir könnten verteilen und somit mehr Gerechtigkeit erreichen - aber sind wir alle reif dafür? Fehlt da nicht in vielen Bereichen die emotional-menschliche Entwicklung? Das wirkliche Mit-Fühlen und Mit-Verantwortlich-Sein? Fragen über Fragen zum Jahresende 2019 ...

© Michaela Schmitz