Mobil sein - was ist das?

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Vor mittlerweile 6 Jahren hatte ich eine eine Wirbelsäulen-Operation. Eine Zyste hatte sich an der Lendenwirbelsäule gebildet und einen Nerv im rechten Bein ziemlich stark beeinträchtigt. Da die endgültige Diagnose auf sich warten ließ, musste ich mehr als zwei Monate mit fast unerträglichen Schmerzen leben und könnte ein Monat lang kaum gehen. Das erste Gehen nach der OP war ein einschneidendes Erlebnis und fast wie ein Wunder für mich. Seither ist 'mobil sein' für mich vollkommen anders definiert. Jeder meiner Schritte ist ein bewusster Schritt. Ich gehe. Und ich fahre so wenig wie möglich mit dem Auto. Meine Arbeit und meinen Alltag kann ich dazu inzwischen gut planen - es ist alles eine Frage der Disziplin und des vorausschauenden Handelns, aber auch der nötigen Flexibilität, wenn dann der eigene, vorgegebene 'Mobilitätsplan' durchkreuzt wird. Sei es wetterbedingt durch zu heiß, zu kalt, zu nass oder durch Zugverspätung oder schlichtweg beim Arbeiten nicht auf die Uhr geschaut zu haben. Nun gibt es seit Herbst 2019, nach Eichgrabner Vorbild, den ehrenamtlichen Fahrtendienst 'Elektromobil Neulengbach'. Wow, eine neue Art der Mobilität zur Erweiterung meines Radius! Ich brauche also jetzt für meine Wege in Neulengbach, die ich nicht zu Fuß erledigen kann, kein eigenes Auto mehr! Und fahre auch noch umweltfreundlich! Und nutze gemeinsam mit anderen EIN Auto! So banal es vielleicht klingt - ehrenamtlicher Fahrtendienst - so weitreichend ist die soziale, (elektro)mobile, generationenverbindende Wirkung. Nie hätte ich gedacht, dass Elektroauto fahren so einfach, so chillig und so entschleunigend ist. Habe ich einen Einkauf am Rande Neulengbachs geplant und will die Waren nicht zu Fuß nach Hause schleppen, kann ich mich einfach abholen lassen. Muss ich etwas Schweres zu einer Freundin bringen, so kann ich mich hinführen lassen und gemütlich zu Fuß nach Hause gehen. Menschen, die nicht mehr selber (auto)mobil sein können und eine kleinere Pension haben, die vielleicht nur eine Taxifahrt im Monat zulässt, sind auf einmal wieder in der Gesellschaft aktiv und nehmen an gemeinsamen Veranstaltungen teil. Sie können öfter zur nötigen Therapie fahren und werden dadurch rascher fit. Menschen, die durch die Pension zu Hause sind, engagieren sich als FahrerInnen, lernen neue Leute kennen, kommen ins Reden und nehmen dadurch wieder aktiv am gemeinsamen Leben im Ort teil. Junge Menschen, die sich für Elektromobilität interessieren, führen ältere Menschen, die z.B. froh sind, ihren täglichen Einkauf dadurch wieder selber machen zu können. So finden die Generationen zusammen. Der spürbare, soziale Aspekt führt zu neuer, mobiler Lebensqualität und verbindet die unterschiedlichsten Menschen miteinander. Mobil sein - was ist das? Neulengbach lebt das vor.

© Michaela Schmitz