Sich immer wieder neu erfinden

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Seit ein paar Tagen ist alles neu - der Coronavirus hat uns fest im Griff. In meinem Umfeld bemerke ich, dass die Menschen nun ganz anders auf Alltagssituationen reagieren - anscheinend schwingt 'Corona' und der 'Ausnahmezustand' ständig mit. Hier in Neulengbach versuche ich, mich so gut wie möglich für die vielen, kleinen UnternehmerInnen einzusetzen. Trotz der Krise ist das Konkurrenzdenken immer noch anwesend - oder vielleicht gerade deshalb. Schon lange wollte ich über meinen eigenen, persönlich-beruflichen Werdegang schreiben. Jetzt ist vielleicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Ich war eine sehr gute Schülerin - als ich mit 15 beschloss, eine Drogistenlehre im Betrieb meiner Eltern zu starten, schlugen LehrerInnen und mein Vater die Hände über dem Kopf zusammen - nur nicht das! Ich wollte aber nichts anderes - ich wollte arbeiten, mein eigenes Geld verdienen und einen sinnvollen Beruf erlernen. In der Berufsschule hatte ich endlich das Gefühl, dass ich für's Leben lernte. Als ich ausgelernt hatte und ich mich auf den Weg Richtung Konzessionsprüfung (Meister) machte, begann das große Drogerie-Sterben - Schlecker, BIPA, DM und Co hatten in Österreich Einzug gehalten. Der Kampf um den Markt und die Zielgruppen hatte begonnen. So musste ich mich nach meiner Konzessionsprüfung zur Drogistin gleich mal der Realität stellen - dem Sterben der Drogerien. Nachdem ich mit 23 kein totes Pferd reiten wollte (danke dafür an Matthias Strolz), beschloss ich, einen Naturkostladen aufzubauen. Tschernobyl war präsent, die ersten Biopioniere (zu denen ich zählte) schafften selber die Ware von den Biobauern in die Läden und verkauften biologische Lebensmittel an interessierte KundInnen. Ich hatte meinem Vater (nach dem Tod meiner Mutter) eine Drogerie abgekauft und mit viel Herzblut, Engagement und Geld in einen Naturkostladen umgewandelt. Und das an einem Ort mit kaum Laufkundschaft und umzingelt von Speditionen - aber, es lief. Mit Kundenbindung, Bestellwesen, Auslieferung, Imbissstube und persönlichem Einsatz wurde der Laden zu einem Erfolg! Wir hatten uns um 23.Bezirk einen Namen gemacht. Dann kam die große Biowelle und die Supermärkte (Billa, Hofer, Spar) entdeckten diese Einnahmequelle für sich. Das nächste tote Pferd also. Mit 30 Jahren stand ich also abermals davor, mich neu erfinden zu müssen. Der Verdrängungswettbewerb hatte nun also auch im Biohandel begonnen. Ich entschied, dass es Zeit war, Kinder zu bekommen - damit war mal für ein paar Jahre Schluss mit der großen Karriere (ich bekam 3 Söhne). Beruflich kehrte ich 2004 zurück - ich fand mich sitzend vor einer Datenbank wieder (nachdem ich zuvor eine Schule mit gegründet hatte) und habe mich in Richtung Marketing entwickelt. Seit 2010 bin ich im Marketingbereich selbstständig - und hatte mich somit also zum dritten Mal neu erfunden. Konkurrenz kenne ich nicht - jede/r ist Mitbewerb und niemand hat ein Geburtsrecht, konkurrenzlos zu arbeiten.

© Michaela Schmitz