Am Großglockner

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Am Großglockner | story.one

Scheißwetter. Scheißkopfweh. Scheißanstrengung. Warum einen 3000er machen, wenn es im August dort oben schneit? Warum einen Berg besteigen, nur weil er der höchste Österreichs ist?

Lieber mal wieder das Hirn ausschalten und die Gedanken vorbeiziehen lassen.

Stapf, stapf, stapf.

Keiner sagte ein Wort, nur unser Stapfen im frischen Schnee war zu vernehmen. Hin und wieder kam uns eine Seilschaft entgegen.

"Griaß eich"...."Griaß eich" oder ein Gruß in einer anderen Sprache, denn am Berg sind die Menschen nett zueinander.

Plötzlich standen wir vor einer steilen, felsigen Rinne. Ein gelbes Schild wies uns den Weg nach oben. "Glocknerleitl" stand darauf geschrieben.

Da ertönte die Stimme meines Großvaters, der oft vom Großglockner erzählt hatte, in meinem Kopf:"Das Glocknerleitl is ned ungfährlich. Da sand scho öfters Leid ausgrutscht und haben sie grausig aufgschürft."

Nachdem ich auch diesen wenig hilfreichen Gedanken vorbeiziehen hatte lassen, begann ich damit, meine Steigeisen in diese Mischung aus Erde, Schnee und Geröll zu treten. Behutsam ging es Schritt für Schritt in Richtung Grat, wobei man durch den Nebel kaum etwas sah.

Dann Gegenverkehr in der Rinne.

Verkrampft an einen Granitfels geschmiegt machte ich Platz für die Glücklichen, die dieses Abenteuer schon hinter sich hatten.

Endlich war der Grat erreicht. Darauf platzierte Stangen wiesen uns den Weg in Richtung Gipfel und erinnerten uns daran, weshalb wir ein Seil mitgenommen hatten. Nun waren wir eine echte Seilschaft, wenn auch eine schlecht aufeinander abgestimmte, denn oftmals war der Zug am Seil zu hoch, dass es einen fast von den Füßen riss, ein andermal streifte es lasch am Boden, sodass man immer wieder drauftrat. Die Konzentration galt in dieser Phase jedoch vor allem der leichten Kletterei, denn links und rechts ging es hunderte Meter hinunter: Da wollte keiner landen.

Plötzlich ein steiler Abbruch mit einer Stahlverseilung: Der Kleinglockner war erreicht. Es konnte nicht mehr weit zum Gipfel sein, doch von diesem war im dichten Nebel nichts zu sehen.

Wir lösten uns vom Seil und ließen uns behutsam runter in die Scharte, wo auch die berüchtigte Pallavicini-Rinne ihren Endpunkt hat.

Es ging in leichter Kletterei weiter. Alle Emotionen wichen einer unheimlichen Spannung: Lange konnte es nicht mehr dauern. Da blitzte plötzlich, als ob wir es bestellt hätten, die Sonne durch den Nebel hindurch und ich erblickte in naher Distanz das eiserne Kreuz des Großglockners. Von da an kam Freude auf!

Ich erhöhte das Klettertempo und wenige Minuten später standen wir alle am Gipfel, der im Licht des Spätsommernachmittags erstrahlte. Überwältigt beglückwünschten wir uns und all der Ärger über Anstrengung, Kopfweh und schlechtes Wetter wich dem Staunen. Gebannt starrten wir in die hochalpine Landschaft, die sich rund um den Glockner erstreckte. Am Ende verstand ich doch, weshalb dieser Berg einen so besonderen Reiz auf viele ausübt.

© Michele_Santorini 16.10.2019