Die erste Fahrradpumpe am Großvenediger?

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Die erste Fahrradpumpe am Großvenediger? | story.one

Was könnte noch von Nutzen sein? Grübelnd saß ich vor meinem Bergrucksack und ging die Packliste ein weiteres Mal durch. Eigentlich hatte ich alles dabei, doch im letzten Moment überkommt mich vor längeren Touren oftmals die Angst, dass doch noch etwas Wichtiges fehlt. Und da kam die zündende Idee: Eine Luftpumpe muss unbedingt dabei sein, denn den ersten Teil der Strecke würden wir auf den Rädern bewältigen.

Verständnislos waren die Blicke der Brüder und des Vaters am nächsten Tag, als ich stolz berichtete, dass ich die alte eiserne Luftpumpe von Zuhause mitgenommen hatte. Man riet mir, das schwere Ding im Auto zu lassen.

"Wenn wir einen 'Patschen' haben, werdet ihr froh sein", entgegnete ich den Skeptikern trotzig und hoffte nun fast schon darauf, dass sich meine treue eiserne Gefährtin auf unserer Tour bewähren würde. In meinen Gedanken sah ich mich bereits mit kühnem Blick die Luftpumpe zücken und einem meiner verzweifelten Blutsverwandten mit seinem platten Reifen helfen.

Doch zu einer solch heroischen Tat kam es nicht. Bei Tropenhitze quälten wir uns durch das Obersulzbachtal hinauf, ohne Reifenplatzer, aber unter stetiger Beobachtung von Murmeltieren. Bei der Talstation der Materialseilbahn der Kürsingerhütte stellten wir die Räder ab. Ettäuscht stellte ich fest, dass meine Luftpumpe wohl keine größere Rolle mehr auf dieser Tour spielen würde. Von dort ging es zu Fuß weiter, fünfhundert Höhenmeter hinauf zur Kürsingerhütte, wo wir unser Nachtlager bezogen. Beim Anblick der imposanten Gletscherwelt rund um uns und nach dem ersten Schluck Bier vergaß ich ganz auf die Pumpe in meinem Rucksack.

Im Morgengrauen setzten wir unsere Tour fort. Der Gipfel des höchsten Bergs Salzburgs lachte uns aus vermeintlich greifbarer Nähe in der Morgenröte entgegen, doch die Erfahrung hatte uns bereits in der Vergangenheit gelehrt, dass die Dinge in den Bergen oftmals näher scheinen, als sie es wirklich sind. Und so war es: Der flach ansteigende Pfad über den Gletscher erschien uns endlos und als die Sonne zwischen den Berggipfeln auftauchte, wurde es auch noch kuschlig warm.

Nachdem wir den Berg in weitem Bogen mit nur wenig Höhengewinn umgangen hatten, starteten wir endlich den Gipfelanstieg und standen nach vierstündigem Marsch auf dem Großvenediger. Nicht nur der Ausblick war fantastisch, auch das Gefühl, den schweren Rucksack endlich ablegen zu dürfen, erfüllte mich mit großer Zufriedenheit, sodass ich diesen schwungvoll zu Boden fallen ließ. Da hörte ich einen metallernen Klang aus seinem Inneren und erinnerte mich plötzlich wieder an die Luftpumpe, die darin noch immer auf ihren ersten Einsatz wartete. Rasch holte ich sie heraus. Prachtvoll glänzte ihr grün lackierter metallener Zylinder im Licht der Mittagssonne. War sie die erste Pumpe am Gipfel dieses Bergs? Ein Reinhold Messner der Fahrradpumpen? Belustigt über diesen Gedanken pumpte ich ein paar Mal ins Leere und präsentierte sie stolz der Kamera.

© Michele_Santorini 04.11.2019