Gebraucht wie neu

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Gebraucht wie neu | story.one

In meiner Kindheit trugen alle Buben jeden Tag dasselbe Gewand . Zumindest so erschien es mir. Die jüngeren von uns hatten meistens ein Flanellhemd im Holzfällerstil, eine kurze Hose aus Stoff oder Leder mit Hosenträger, Wollstutzen und sogenannte Haferlschuhe. Das waren feste, niedrige Schnürschuhe aus Leder mit grober Gummisohle. Ihre Steifheit erzeugten einen etwas schwerfälligen, uneleganten Gang. Zudem vereitelte ihre Bauart jede Art von einem schnellen Sprint, der bei Verfolgung durch unliebsame Zeitgenossen jederzeit vonnöten war. Beneidet wurden diejenigen, die irgendwo leichte Segeltuchschuhe mit biegsamer Gummisohle ergattert hatten. Sie waren bei Fluchtgefahr hundertprozentig im Vorteil. Während wir Haferlträger schon die ersten "Fotzn" (Ohrfeigen) kassierten, hatten sich die Segeltuchbesitzer schon längst aus dem Staub gemacht. Um den weiterhin drohenden Abreibungen zu entgehen half hier nur der vollständige Verzicht auf das hinderliche Schuhwerk. Damit kam der Begriff der "Barfusserten" in die Welt.

Ab dem Monat ohne "R", dem Mai also, bis zum Anfang des Herbstes waren wir also stets gleich, mit wenigen Abweichungen, gekleidet. Abgefallene Knöpfe wurden durch kunstvolle Drahtgebilde oder kleine Holzpflöcke ersetzt. Grössere Löcher wurden mit textilfremdem Material überdeckt. Am Ende der Saison waren wir eine Patchworkfamilie ohne familiäre Bindung.

Neigte sich der abenteuerliche Sommer dem Ende zu, war Schluss mit meinem Piratenoutfit. Die Schule begann und meine Mutter hatte schon das "neue", gute Gewand zurechtgelegt. Bezogen hatte sie es über eine Altkleidersammelstelle der Caritas. Dort durften bedürftige Familien, zu denen wir zweifellos gehörten, mit einem entsprechenden Bezugsschein, zweimal im Jahr, Kleidung aussuchen. Meine "Herbstkollektion" bestand im wesentlichen aus einer beigen Wolljacke, einem grünen Flanellhemd, jetzt im Schottenkarolook, einer kurzen braunen Hose und groben braunen Wollstrümpfen. Eine lange Hose gab es nur für den älteren Bruder. Die schwarzen "Hafelen" blieben die gleichen. Doch dazu gab es ein Accessoire, das mir schon bei seinem Anblick fast die Wuttränen in die Augen trieben: Ein beiger Strumpfbandgürtel! Um die vermaledeiten braunen Wollstrümpfe, die zudem unheimlich juckten und bis zu den Oberschenkeln reichten, zu befestigen, kam meine Mutter auf eine, ihrer Meinung nach, geniale Idee. Nachdem alle anderen Befestigungsarten versagt hatten, probierte sie es mit einem ausrangierten Strumpfbandgürtel von ihr selber und stellte trocken fest: "Ja super! Des kannt gian. Und die Hosnröhrln lass i da no a Stuck aussa, nacha isch alles schian vadeckt." Problem gelöst. Widerspruch zwecklos.

Mein guter Ruf, als der am besten sterbende Indianer, nachdem er von den hinterfotzigen Weissen einen Schuss abbekommen hatte, stand auf dem Spiel.

Trotzdem überstand ich unentdeckt die Zeit bis zum Monat ohne "R".

© mido