Kleine Lehrmeister

Volunteering macht sich doch immer gut im CV oder? Also habe ich mich für das Volunteering Programm an meiner Uni angemeldet, bei dem man mit Kindern Hausübung machen sollte. Doch bald habe ich es schon bereut. Ich habe doch schon so viel zu tun... Sollte ich nicht wenigstens etwas machen, das bezahlt ist und mit meiner Studienrichtung zu tun hat? An einem kalten Herbsttag fuhr ich erstmals zum Lerncafé, in einem Teil Wiens, in dem ich eindeutig noch nie war. Ungefähr 25 überdrehte Kinder saßen an großen Tischen oder rannten durch die Gegend und Betreuer versuchten sie dazu zu bringen, sich mit ihrer Hausübung zu beschäftigen, anstatt lautstark über „Fortnite“ zu diskutieren. Meine „Lernbuddys“ Z. und S. wurden mir vorgestellt, zwei 13-jährige Jungs, die in eine Mittelschule im 15. gingen und Schwierigkeiten in, naja, so ziemlich allen Fächern hatten. Anfangs wusste ich gar nicht womit ich mehr überfordert war: jemandem der weder seine eigene Muttersprache noch Deutsch fehlerfrei beherrschte Englisch beizubringen, zwei 13-Jährige davon abzuhalten sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen oder die Tatsache, dass sie mich immer noch nur mit „Fräulein“ ansprachen. Ich begann mich zu fragen, was ich aus dieser ganzen Sache lernen sollte. Dass ich niemals Kinder haben wollte? Doch im November passierte erstmals etwas Komisches. Ich hatte mal wieder einen anstrengenden Tag gehabt, mein Vater hatte mich angerufen und mit nervigen Fragen gelöchert, meine Freunde hatten mir für Freitagabend abgesagt und natürlich hatte es den Tag geregnet obwohl ich meine Haare erst heute gewaschen hatte. Die ganzen zwei Stunden lang hatten Z. und S. absolut kein Interesse daran Hausübung zu machen. Stattdessen erzählten sie mir von ihrem Schultag. Davon, dass ein Junge mal wieder einen anderen mit einem Werkzeug attackieren wollte. Und von Z. Schwester, die gerade ein Baby bekommen hatte und nun auch noch mit ihrem Freund bei ihnen eingezogen war. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil das Baby geweint hatte. Und davon, dass S. noch nicht weiß, ob er auf die Sportwoche mitfahren können werde, da seine Eltern eine neue Waschmaschine kaufen müssten. Als ich wieder nach Hause ging, fiel mir auf, dass sich meine trivialen Probleme plötzlich nicht mehr so tragisch anfühlten. Ich kam nachhause in meine Wohnung und sie fühlte sich so groß an. Den ganzen Abend verspürte ich nichts, als Dankbarkeit. Immer öfter, wenn ich an der Uni andere darüber sprechen hörte, wie furchtbar es nicht sei, dass sich ihr Notenschnitt auf 1,7 verschlechtert hatte, musste ich daran denken, dass Z. und S. nicht mal wussten, wie sie ihre Pflichtschulzeit überleben sollten und wenn sich meine Freundinnen beschwerten, dass sie sich dies und das diesen Monat nicht mehr leisten konnten, musste ich an S. denken, der nichts mehr wollte als auf die Sportwoche mitzufahren. Nach einem Semester war ich mir nicht mehr sicher, wer wem mehr beigebracht hat.

© Millennial0815