Alles nur Fake?

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Alles nur Fake? | story.one

Einatmen. Ausatmen. Wachbleiben. Viel zu müde versuche ich meine Bachelorarbeit zu schreiben. Vielleicht sollte ich mich ein wenig hinlegen? Nur ein bisschen, ein klitzekleines bisschen. Meine Augen fallen zu. NEIN! Ich kann nicht, ich kann einfach nicht schlafen. Morgen ist Abgabetermin, ist Deadline und sie ist einfach noch nicht perfekt. Wenn ich jetzt schlafen gehe, habe ich bestimmt nicht mehr die Zeit, sie fertigzustellen. Sie perfekt zu machen. Denn so soll alles sein, dass ich zu Wege bringe: Perfekt, bis ins kleinste Detail. Perfekt genug, um es stolz präsentieren zu können, was auch immer es ist. Nicht, um anzugeben, nein. Um von anderen nicht diesen komischen Blick zugeworfen zu bekommen, diesen verachtenden. Es ist schon schlimm genug, dass man sich heute immer und überall beweisen muss und soll, aber dieser Blick ist nun wirklich die Höhe. Wenn ich meine Arbeit abgegeben habe, kann ich auch wie meine Freundinnen ein Bild damit in den Sozialen Netzwerken posten. Auf Facebook, Instagram und Snapchat, überall "coole" Stories posten, um allen zu zeigen, dass man es geschafft hat. Um denen ein schlechtes Gewissen einzureden, die noch nicht so weit sind. Um allen zu zeigen, wie schön man nicht ist. Innerlich weiß ich, dass das alles eine Fake-Welt ist. Dass fast alle Bilder bearbeitet sind. Dass viele nur mehr in dieser Welt leben, süchtig danach sind. Süchtig nach dieser scheinbaren Perfektion, die doch eigentlich keine ist. Süchtig nach einer Welt, die so doch gar nicht existiert. Süchtig nach einem Wunschtraum, ohne den sie nicht mehr sein können. Und dabei akzeptieren sie nicht, was ist. Akzeptieren sich selbst nicht, die Welt nicht, andere nicht. KRANK! Wirklich krank, so süchtig nach etwas zu sein, das es gar nicht gibt. Ich schüttle bei dem Gedanken den Kopf, kann es nicht fassen. Versuche mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren und merke dabei nicht, wie sie auch mich schon in ihren Fängen hat. Denn innerlich sitzt sie schon in mir drin, frisst sich weiter, immer weiter hoch in meinem Unbewusstsein. Unbemerkt nährt sie sich an ihrer Wirtin, wird größer und nimmt immer mehr Raum ein. Steuert mein Handeln, lässt mich nicht mehr los, nimmt mich ein. Vollends. Ganz und gar. Für immer. Sie ist hier, versteckt. Latent. Die Perfektion. Die Perfektion, die diese Scheinwelt mit sich bringt. Diese Scheinwelt, der niemand mehr entrinnen kann. Diese Krankheit, die um sich gegriffen hat. Der sich niemand mehr verwehren kann, vor der sich niemand mehr schützen kann. Nicht du. Nicht ich. Nicht wir. Von uns allen hat sie schon Besitz ergriffen. Hält uns vom Schlafen ab, erregt eine Angst in uns, etwas zu verpassen. Hält uns ganz fest in ihren Klauen. Lässt uns nicht aus. Bleib wachsam. Nimm dich in Acht. Lebe bewusst. Hinterfrage. Hinterfrage die Welt, in der wir leben und lieben. Liest du sie? Ist sie echt? Überleg einmal. Überleg einmal und pass auf. Pass auf und bleib wachsam. So wie ich jetzt bei meiner Bachelorarbeit. Ende

© Minka 25.11.2019