Am Galgenberg zu Hildesheim

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Am Galgenberg zu Hildesheim | story.one

Kennt ihr das, ihr lebt euer Leben, alles geht seinen Gang und dann, plötzlich, kommen Bilder aus der Vergangenheit hoch, die ihr schon eine Ewigkeit nicht mehr bewusst gesehen habt? Solch einen Moment hatte ich erst kürzlich. Es trug sich zu, dass ich als Kind den Winter liebte, für seinen Schnee, seine Kälte, wie auch das Rodeln. Herrlich war das anzuschauen, die Welt bekam ein weißes Kleid und alles wirkte auf einmal so friedlich.

Im Winter war ich gerne bei meiner Oma in Hildesheim, die wir Ama nannten, weil sie das Wort Omma, wie man in jener Gegend seine Großmutter zu nennen pflegte, nicht mochte. Sie war eine wundervolle Frau, die es verstand, einem kleinen Jungen wie mir, eine herzliche Kindheit zu schenken. Wie oft ich bei ihr war, darüber vermag ich nur zu spekulieren, aber gerade im Winter gab es hier eine Besonderheit, die ich über alle Maßen zu schätzen wusste, Schlittenfahren am Galgenberg. Dort auf dieser Anhöhe gab es eine Piste, die bestimmt 400 Meter lang war. Ein Mekka für alle Jungs, sowie ein paar Mädchen, die dieser himmlischen Kulisse einen Freudentaumel abrangen.

Ich erinnere mich, dass ich mit meinen Eltern, sowie meiner Großmutter dort zugegen war, an jenem besagten Tag, um mich dem Schauspiel hinzugeben. Wir trafen recht früh ein und dennoch war der Andrang schon nicht klein. Wieder und wieder warfen sich die Jungs und Mädels auf ihre Schlitten und rasten die Piste hinunter. Die einen der Länge nach und Kopf voran, die anderen aufrecht sitzend und wieder andere sogar zu zweit. Das war ein Spektakel nach meinem Geschmack. Mein Vater strahlte mich an, freute er sich doch ebenso wie ich, auf dieses Erlebnis und so feuerte er mich an: "Komm Mirco, wer als erster unten ist!" Ich ließ mich nicht lange bitten, schnappte mir meinen Schlitten und warf mich auf diesen. Unterwegs kämpften wir darum, wer die Nase vorne hatte und rauschten den Abhang herunter. Es war ein klasse Gefühl, mit meinem Vater um die Wette zu eifern, wer schneller war. Meine Mutter, wie auch meine Ama blieben oben stehen und genossen den Anblick aus sicherer Entfernung. Ich presste mich nun fester an meinen Schlitten, denn gleich ging es in die besagte Rechtskurve, am Fuße des Berges. Mein Vater war schon ein Stück weiter und jodelte fleißig, weil er gewonnen hatte. Ich hingegen blickte kurz nach hinten, war dadurch abgelenkt und bekam die Kurve nicht. Mein Schlitten schoss geradeaus über die Kante, in ein parkendes Auto. Noch während ich wie versteinert im Schnee lag, sah ich meinen Vater zu mir kommen und hörte ihn sagen: "Ach herrje Mirco!" Er blickte sich verstohlen um und sagte zu mir: "Komm, wir verschwinden hier. Lass uns schnell wieder hochklettern und weiter Schlittenfahren." Ja, dieser Tag war voller Lebensfreude. Meine Mutter merkte uns an, das irgendetwas anders war, fragte jedoch nicht weiter nach. Stattdessen setzte sie sich bei der zweiten Fahrt zu meinem Vater auf den Schlitten und jauchzte vor Freude.

© Mirco von Maydell 11.10.2019