Die Fahrradkette

Vor langer Zeit, ich wohnte noch im Studentenwohnheim Emsstraße Ecke Münchenstraße in Braunschweig, ereignete sich etwas, das mir noch lange in Erinnerung bleiben sollte, eigentlich bis heute, um genau zu sein. Es war Nachmittag und mein Mitbewohner Roland saß in der Küche und auf dem Küchentisch stand umgekehrt, sein Fahrrad. An sich ein normales Schauspiel, denkt man sich den Teil mit der Fahrradkette weg, denn diese reinigte er mit einer Zahnbürste. Bei näherer Betrachtung atmete ich tief durch, hatte ich doch zuvor vermutet, er würde für diesen Akt der Reinigung, die meine nehmen, doch dem war nicht so. Puhhh! Ich sprach ihn an: "Sag mal Roland, wessen Zahnbürste ist das?" Mit einem breiten Lächeln im Gesicht gestand er mir, dass es sich um die Zahnbürste von Maike handelte, unserer Mitbewohnerin, die ihm gegenüber und mir nebenan wohnte. Ich muss zugeben, das nun auch mein Mund von einem breiten Lächeln umzäunt war. Den Abend ließen wir ein wenig später, nach dem Fahrrad Martyrium, mit einem Glas Wein ausklingen.

Am nächsten Morgen

Da Roland früh los zur Uni musste, wie auch ich zur FH, saßen wir bereits um sieben Uhr in der Küche, schmierten uns ein paar Brote und tranken Kaffee. Noch völlig im Halbschlaf hörten wir hinten in der WG, wie jemand ins Bad ging und sich kurz darauf die Zähne putzte. Das konnte entweder Maite sein, unsere spanische Mitbewohnerin, oder Maike. Das Rätsel fand eine schnelle Lösung, denn nur Augenblicke später schlurfte Maike in die Küche, rang sich ein "Morgen" ab, holte ihr Lieblingstasse aus dem Schrank und gönnte sich ebenfalls einen Kaffee. Einer ihrer Wesenszüge gereichte uns an diesem Morgen zu einem schallenden Gelächter, denn sie grinste uns an und zeigte dabei ihre Zähne. Diese waren pechschwarz, was Roland einen verkniffenen Blick, sowie ein Kopfschütteln von mir einbrachte. Dieser selbst rang nach Luft, denn er biss sich auf die Lippe vor lauter Lachen. Auch ich hatte nun schwer damit zu kämpfen, nicht verräterisch loszuprusten. Zum Glück von uns beiden, verabschiedete Maike sich in ihr Zimmer und zog sich an. Wir lachten los, einer schlimmer als der andere und merkten gar nicht, wie sie erneut im Türrahmen der Küche stand. Sie fragte uns dann: "Was ist mit euch? Habt ihr wieder einen Witz erzählt? Los sagt schon, ich will auch lachen." Doch keiner von uns war dazu in der Lage, ihr die Wahrheit über die Zahnbürste zu erzählen, dass sie am Vorabend noch von Roland zum Reinigen seiner Fahrradkette herhalten musste und so kam was kommen musste, sie wünschte uns einen schönen Tag und verließ die Studenten-WG. Keine fünf Minuten später überquerte sie die Straße und wir verfielen in schallendes Gelächter, was im gesamten Treppenhaus zu vernehmen war. Achja, das war schon eine schöne Zeit.

Was wir nicht wussten, die liebe Maike hielt an jenem Tag ein Referat. Was soll ich sagen, das ernste Thema ihrer Arbeit wurde von einem leichten Anflug von tierischem Gelächter ihrer Kommilitonen unterbrochen.

© Mirco von Maydell