Die Tanne

Es war ein herrlicher Sommertag. Schnell fragte ich meine Mutter, ob ich raus zum Spielen dürfte. Es war gerade einmal sieben Uhr. Uns Kinder hielt nichts in den eigenen vier Wänden, wir wollten Abenteuer erleben und die gab eben draußen. Als sie meine Frage bejahte, zog ich mir die Schuhe an und wollte gerade losstiefeln, da sagte sie: "Mirco, mach bitte keinen Blödsinn ja, es geht auch ohne Abenteuer zu erleben." Ich nickte und sogleich zog ich los, hinaus in die weite Welt unseres Gartens. Hier angekommen, stapelte ich unser Brennholz, goss die Blumen, zupfte Unkraut und schaute zu unseren Nachbarn herüber. Diese waren im Urlaub, was bedeutete, niemand war da um ihren Garten zu bewachen. Schnell lief ich zum Zaun, klettere dort herüber und stiefelte über ihr Grundstück. Hier angekommen, hörte ich plötzlich die Stimme meines Vaters. "Mirco, ich hoffe du bist in unserem Garten!" Ich antwortete "Ja Papa, ich spiele auf der Auffahrt." "Guter Junge", war seine Antwort. Tatsächlich saß ich jedoch unter den Tannen beim Nachbarn. Hier war es klasse, nur etwas zu dunkel, was ich jedoch änderte. So holte ich ein paar Streichhölzer hervor und zündelte an der Tanne herum. Es dauerte nicht lange und sie fing Feuer. Dunkel war es nun nicht mehr, eher hell, aber auch sehr warm, weshalb ich aufstand und ein paar Meter zurück trat.

Nur Minuten später stand der Baum in Flammen und brannte. Mit weit aufgerissenen Augen stand ich da, wie ein begossener Pudel und dachte daran, was mein Vater gesagt hatte, also kehrte ich auf unser Grundstück zurück, denn von dort konnte man das Schauspiel ebenso gut verfolgen. Was ich nicht wusste, neben der Tanne stand eine weitere und auch diese fing Feuer und so ging das Schauspiel weiter. Tanne um Tanne um Tanne brannte ab. Die ganze Reihe des Grundstücks herunter, bis da nur noch eine schwarze, abgekohlte Baumreihe stand. Ich selbst hingegen war gelangweilt von der Szenerie und war schon nach dem zweiten Baum wieder zurück hinterm Haus. Was ich nicht wusste, der Nachbar, welcher vermeintlich im Urlaub war, kehrte mit seiner Frau zurück und besah sogleich den Schaden. Er tobte, wütete herum und schrie aus vollem Halse. Alle Bemühungen seiner Frau brachten ihn nicht zur Räson. Für ihn gab es nur eine Antwort, Mirco, der Nachbarsjunge musste das gewesen sein, denn dieser war in der Siedlung weit und breit bekannt, für seine Späße.

Nur gefühlte Sekunden später stand er vor der Tür meiner Eltern und schellte unentwegt. Mein Vater öffnete und blickte in das Gesicht seines wütenden Nachbarn. Dieser sprudelte nur so vor Unbill über seinen Sohn und zeigte auf die verkohlten Tannen. Das amüsierte meinen Vater und so sagte er nur: "Ich fand deine Tannen schon immer hässlich. Endlich sind die Weg. Da hat der Junge mal was Gutes gemacht." Der Nachbar schnaufte vor Wut und kündigte meinem Vater augenblicklich die Freundschaft, was dieser nur allzu sehr herbei gesehnt hatte.

Beim Abendbrot sagte mein Vater zu mir: "Guter Junge!"

© Mirco von Maydell