Dunkelheit

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Dunkelheit | story.one

Wir schrieben das Jahr 2017. Ich sollte, an einem an sich schönen Tag erleben, was es bedeutet, wenn ein Mensch Macht über einen anderen hat. Dieser besagte Tag fing an, wie ein ganz normaler. Ich wurde wach, alles um mich herum, mich eingeschlossen, wirkte feucht, durchtränkt von einer Nässe die dem nächtlichen Regen geschuldet war und führte mir so mein derzeitiges Leben wieder vor Augen. Ein Leben, das in einem Zelt stattfand, ohne Isolierung, ohne die Sicherheit, dass man sein Hab und Gut; was zu jener Zeit nur wenige Dinge waren, diese dafür aber um so heiliger; verschließen konnte. Hielt ich mich fern meiner Zuflucht auf, war nicht sicher, ob sich nicht doch jemand an meinen Sachen zu schaffen machte.

Ich wusch mich mit kaltem Wasser, erweckte die Lebensgeister so gut es ging und zuckte zusammen, da ich wusste, was heute auf der Tagesordnung stand. Ein Besuch beim Amt, um erneut zu versuchen, an ein bisschen Geld zu kommen. Die letzten Male wurde dies abgelehnt, mit der Begründung, dass ich doch ein Dach über dem Kopf hätte, wenn auch nur ein Zelt, aber hey, das wäre doch auch etwas wert. Ich konnte nicht über diese lapidare Antwort lachen, geschweige denn dem Zustimmen. Da stand ich nun, ich armer Tor, wieder vor der Anmeldestelle, in diesem großen Gebäude und musste mich einer Lächerlichkeit preisgeben, die mich innerlich zerriss. Ich hatte nichts, nichts an Geld, nicht mal ein paar Cent, keine Wohnung, alte Klamotten, war beschämt, durchnässt und innerlich gebrochen. Die nette Dame in dem Glaskasten mir gegenüber, lächelte mich an und fragte zum gefühlten 100. Mal, was ich denn wollte. Meine Antwort fiel, den Umständen entsprechend, einfach aus: "Ich möchte ein Dach über dem Kopf, damit ich wieder arbeiten gehen kann. Ich möchte raus aus diesem Gefühl, ein Nichts zu sein, hin und her geschubst zu werden, von Zimmer zu Zimmer, von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter und bei jedem neuen Gesicht, meine Geschichte wieder von vorne erzählen zu müssen. Diese Drangsalierungen machen einen Menschen fertig. Sie zeigen einem auf, dass wenn man ganz unten ist, nichts absolut nichts mehr wert ist und sich immer wieder aufs Neue ausliefern darf. Die Sachbearbeiter entscheiden über den Kopf hinweg, als hätte man den Status Individuum abgegeben und man sitzt da, in unzähligen Stühlen, erduldet all diesen Mist und resigniert. Die Kraft zu kämpfen, sie gleicht einem großen leeren Saal, ohne Stühle, ohne Licht, ohne Geräusche. Das Gefühl für Gerechtigkeit steht einer Macht gegenüber, die man nicht bezwingen kann, einem Sachbearbeiter, der mit seiner Entscheidung über Leben und Tod entscheidet. Ohnmacht ergreift einen, lässt einen Spüren, was es bedeutet, die letzte Sprosse im Leben hinter sich gelassen zu haben. Hier unten herrscht Dunkelheit, wie auch das ewige Verlangen danach, sich und seinem Leben ein Ende zu setzen, um der Qual und dem Spot zu entgehen.

© Mirco von Maydell 01.10.2019