Eine bedeutungsvolle Begegnung

Vor nicht allzu langer Zeit, ich war ca. zehn Jahre alt, also vor rund 36 Jahren, lebte ich in Elsfleth, einer kleinen Stadt an der Weser. Ich liebte diese Stadt, bot sie doch alles, was ein Rabauke wie ich einer war, zu bieten haben konnte. Es gab einen Yachthafen, ein Sperrwerk, eine große Insel mit Schilf bepflanzt, einen langen Deich und vieles, vieles mehr. Nicht selten durchstreifte ich die Natur auf der Suche nach einem Abenteuer, doch an jenem Tag, ich erinnere mich noch gut daran, sollte ich etwas erleben, was nur wenigen vergönnt ist, in ihrem Leben.

Am Frühstückstisch erzählte mein Vater von einem Flohmarkt in Oldenburg, was nicht weit weg war und fragte mich, ob ich mit ihm dorthin mit wollte. Ich sagte natürlich direkt ja und so brachen wir nach der Mahlzeit auf und die Reise begann. Ich liebte es im Auto zu fahren, konnte man so doch Abenteuer in Rekordzeit erleben, einfach indem man an Schauplätzen vorbeifuhr, wo etwas Ungewöhnliches geschah und alles in sich aufsaugte. Wir erreichten schließlich Oldenburg und hier war ein geschäftiges Treiben in der Stadt. Der Flohmarkt von auf dem großen geteerten Platz statt, wo auch immer der Jahrmarkt gastierte. Herrlich, all die vielen Händler, Düfte von Fressbuden, Menschenmengen, Stände und vieles mehr. Meine Augen weiteten sich, mein Wille alles zu erleben wuchs.

Rund zwei Stunden liefen wir die unzähligen Gänge, die die Marktstände bildeten, rauf und runter, ehe ich das Zeichen gab, dass nichts mehr ging. Wir hatten hier und da etwas gekauft und so brachen wir zu unserem Heimweg auf. Gerade als wir vom Platz fahren wollten, entdeckte mein Vater einen gewaltigen LKW, der merkwürdig aussah. Es handelte sich um einen Tieflader, mit einem großen Bassin darauf. Sogleich stürmte der Fahrer zu uns und fragte mich: "Junge, willst du mal einen Wal sehen?" Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte und so kam nur ein kleinlautes: "Ja" aus meinem Mund. Der Mann gab mir ein Zeichen ihm zu folgen und ich beherzigte es. Nur Minuten später hob er die Plane, die auf dem Bassin gelesen hat, an und offenbarte einen jungen Buckelwal. Dieser war so neugierig und lugte direkt mit Kopf hervor. Ich traute meinen Augen nicht, doch es handelte sich tatsächlich um einen Buckelwal. Vorne am Maul, hatte er ganz typisch Pusteln drauf. Er freute sich und so wagte ich, mutig wie ich war, meine Hand auszustrecken und streichelte ihn. Die Haut fühlte sich wie die Oberfläche eines Gummistiefels an. Der Wal verharte und sein rechtes Auge schaute mich. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Wie in Stein gemeisselt, blickte ich zurück und fühlte mich, als würde ich einem Freund begegnen.

Später, als ich mit meinem Vater wieder im Auto saß, war ich so sprachlos von dieser Begegnung, dass ich die gesamte Rückfahrt nicht redete. Mein Vater war glücklich, hatte er mir doch etwas ermöglicht, was nicht so alltäglich ist. Dafür möchte ich an dieser Stelle einmal danke sagen.

© Mirco von Maydell