Grundschule Lienen, in Elsfleth

Wie Jungs so sind, werden sie dazu geboren, Blödsinn zu machen. Ich war dabei keine Ausnahme, eher noch, war ich ein Aushängeschild dieser Redensart. Wie jeden Morgen lief ich die Huntestraße herunter, hoch zur Hauptstraße, bog nach rechts ab, entlang dem Deiche, bis ich die Grundschule Lienen erreichte, wo ich zur Schule ging. Ich besuchte zu jener Zeit die dritte Klasse, war ein Rotzlöffel vor dem Herrn, dachte mir täglich neue Streiche aus, doch an einem Tag in dieser Zeit, sollte alles anders laufen.

Wie immer, heckte ich mit meinen Klassenkameraden auf dem Schulhof Blödsinn aus. Als schließlich die Glocke läutete, um uns Lausbuben zu sagen, das der Unterricht wieder beginnen würde, ignorierte ich dies und blieb noch etwas länger draußen. Später, als ich dann in das Klassenzimmer trat, beäugte mich meine Lehrerin streng. Sie versah mich sogleich mit einer mündlichen Rüge, schließlich hatte ich meine Pflicht verletzt und war zu spät zum Unterricht zurückgekehrt. Sie befahl mir, mich auf meinen Platz zu setzen, die Hände auf dem Tisch auszustrecken und meinen Oberkörper nach hinten zu drücken. Ich folgte ihrem Wunsch und musste kurz darauf erfahren, wie es sich anfühlt, wenn einem die Hände mit einem Rohrstock misshandelt werden. Sie schlug mehrmals zu und ich biss mir auf die Lippen. Der Schmerz war unerträglich. Tränen liefen mir über das Gesicht. Meine Lehrerin sagte anschließend: "So, das soll dir eine Lehre sein, nicht rechtzeitig aus der Pause zurückzukehren." Diese Maßregelung hatte Folgen, denn mein Vater war nicht sehr erbaut darüber, dass meine Lehrerin mich in diesem Maße gezüchtigt hatte. Es folgten Beschwerden von meinen, wie auch anderen Eltern.

Viele Jahre später

Es trafen sich zu einem Klassentreffen die Kinder von damals in dieser besagten Grundschule und ich war einer von ihnen. Die Lehrerin von damals, war mittlerweile die Direktorin der Schule. Ich erkannte sie sofort. Sie wirkte älter, kein Wunder, waren seit damals doch fünfundzwanzig Jahre vergangen. Als sie mich entdeckte, in der Schar der ehemaligen Schüler, neigte sie ihr Haupt und entschuldigte sich für ihre Tat mit dem Rohrstock. Ich hingegen reichte ihr die Hand und sagte: "Liebe Frau L., ich verzeihe ihnen ihre Tat, verneigte mich vor ihr und nickte ihr wohlwollend zu." Das rührte sie derart, das sie mich in den Arm nahm. Sie erzählte mir, dass sie sich das, was sie mir einst angetan hatte, schwer auf ihre Seele lud. Sie konnte sich diesen Fehler selbst nicht verzeihen. Fünfundzwanzig Jahre sollte es dauern, bis sie damit abschließen konnte.

Ich denke noch so manches Mal an sie. Leider ist sie mittlerweile verstorben. Sie war eine tolle Lehrerin, die mir vieles im Leben beibrachte. Ich danke dieser tollen Frau, dass sie mich als Lehrerin ein Stück meines Lebens begleitet hat.

© Mirco von Maydell