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Komm, wir hauen ab!

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Komm, wir hauen ab! | story.one

Für meine liebe Freundin Si.

Es ist schon über zwei Jahrzehnte her, da waren wir noch so richtig jung, du und ich. Man könnte sagen wir waren jung und dumm oder wussten es nicht besser. Jung waren wir definitiv. Vorher wollte ich schon ein paar mal heimlich meine Tasche packen und abhauen. In meiner Vorstellung damals noch ganz allein, romantisch verträumt, das große Abenteuer, die wahre Freiheit. Meine Zelttasche packen, ein paar kleine aber "überlebenswichtige" Habseligkeiten rein und los. Ich würde mich schon durchschlagen, Survival hätte ich sicherlich drauf, dachte ich. Nur ging ich nie auch nur einen Schritt über diese Fantasie hinaus. Die Angst viel zu groß. Not und Wut in Wahrheit doch viel zu klein. Der Gedanke reichte. Doch dann kam die Pubertät und unsere Freundschaft. Eines Tages hast du mir dein Herz ausgeschüttet, hast dich mir anvertraut und ich konnte dich verstehen. Du wolltest am liebsten mal weg. Irgendwie wollte ich ja auch ein wenig ausbrechen. Und gemeinsam schien es so viel greifbarer, weit weniger beängstigend, als alleine auszureißen. Je mehr wir darüber sprachen desto realistischer und vielversprechender schien es. Ich gebe zu, gebraucht zu werden, die Heldin an jemandes Seite sein zu können, gefiel mir auch. Ich wollte dich unterstützen und beschützen. Warst du auch die Ältere, ich hatte gefühlt doch immer Mut und Ideen für zehn. Du schienst mir Hilfe und Schutz zu brauchen. Oder hast du mich sogar direkt gefragt ob ich mitkomme? Ich weiß es nicht mehr genau, aber scheinbar passte alles zusammen. Also gut dann los, nicht zuviel nachdenken jetzt. Nur noch schnell planen und weg. Als ich daheim den "Erklärungsbrief" schrieb war ich schon auch traurig aber unser Entschluss stand fest und ich war davon überzeugt, das Richtige zu tun.

Nerviger Alltag wir gehen jetzt, Abenteuer wir kommen. Wir haben keine der anderen Mädels gefragt. Sie hätten es nicht verstanden dachten wir, hätten nur versucht uns aufzuhalten. Dass es unsere Cliqué und die damalige Bande unserer Freundschaft zerstören würde, daran dachten wir nicht. Dass es unseren Familien wirklich Kummer und Sorgen bringen könnte auch nicht. Und daran was unterwegs alles hätte passieren können noch weniger.

Wir wollten weg, hatten einen vagen Plan und so einfach war das dann erst mal auch. Also Tasche gepackt, Geld von meiner Schwester entwendet, Brief so platziert, dass man ihn später erst findet. Morgens unauffällig raus, den Schulbus nicht nehmen, damit die in der Schule denken wir seien einfach krank. Zum Bahnhof laufen. Fahrkarte nach München kaufen. Halbwegs plausible Geschichte erfinden falls uns wer fragt was wir an einem Schultag so allein im Zug machen.

Über der ganzen Aufregung die eigentliche Traurigkeit und das vermeintliche Abschied nehmen ganz vergessen. Konzentriert auf unser Ziel, ja wir hauen jetzt einfach mal ab!

© MissReveuse 30.06.2020

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