Die Liebenden.

  • 375
Die Liebenden. | story.one

Er (39) erzählt mir die Geschichte, ohne zu blinzeln, in einem Luftstrom.

Er ist in seinen besten Jahren, als er diese viel jüngere Frau trifft; er bemerkt sie nicht gleich, dann aber umso deutlicher.

Die Aufmerksamkeiten verbinden sich. Beide spüren genauer hin.

Sie lernen einander näher kennen und entdecken, dass viele Gedanken von demselben Fundament aus gedacht werden. Und Sie entdecken, dass ebenso viele Gedanken entgegengesetzt sind, diametral verschieden.

Alles sehr faszinierend. Alles sehr unklar.

Phasenweise verwirrend, phasenweise unglaublich schön.

Alles verläuft in Phasen. Mal viel, dann wieder kein Kontakt.

Sie schreibt ihm einen Brief, getragen von der angedeuteten liebevollen Ahnung einer gemeinsamen Zukunft, verkrustet unter zauberhaft luftigen Gedankenketten. Schwärmerisch, blumig, verklärt.

Er antwortet. Es ist Zeit alles offenzulegen, denkt er sich.

Es ist Zeit, sich verletzbar zu zeigen, denkt er sich.

Dann tut er es...

Er schreibt den ersten Liebesbrief seines Lebens. Er schreibt ihn so authentisch wie möglich. Er versucht, sich rückhaltlos sichtbar zu machen.

Zum ersten mal in seinem Leben, kehrt er nicht den starken, klugen Macho nach Außen, sondern zeigt sich... in seiner ganzen Unvollkommenheit und Schönheit, mit Ecken und Kanten. Die Beziehung zu ihr sei für ihn nicht bloß wertvoll -- sondern vielmehr eine Quelle ABSOLUTEN Wertes, schreibt er.

Sie freut sich immens! Das schönste was ihr je geschrieben wurde, sagt sie.

Etwas ganz und gar besonderes, sagt sie.

Ihre Augen leuchten, und ihr Lachen ist unbeschreiblich.

Die Beziehung wechselt auf eine höhere Ebene

An einem Abend, kündigt sie an, zu ihm kommen zu wollen. Inneres Beben und Vibrieren flattert in der Luft. Er richtet sich ein, gießt die Blumen, lüftet alle Räume.

Per sms schiebt sie den Termin nach hinten... auf 18:30... auf 20:00...

Um 22:30 fragt er nach. Sie antwortet sofort. Ein plötzlicher Gast habe zufällig vorbeigeschaut und sich entschieden länger zu bleiben. Das war ihr nicht klar. Aber sie würde auf jeden Fall und unbedingt noch kommen.

Um 00:15 erhält er die Nachricht... der Gast sei im Begriff zu fahren. Sie komme dann gleich per Taxi.

Er steht am Straßenrand, starrt ein Taxi nach dem anderen an, dass die kalte Straße runterrollt. Aber kein Taxi hält. Niemand steigt aus.

Er fragt nach. Sie versichert: 'Jetzt dauert es nicht mehr lang!'

Er geht wieder rauf in seine Wohnung, wartet.

Irgendwann, ca um halb vier, entscheidet sie sich die Nacht mit dem anderen Mann zu verbringen. Sie sagt es indirekt, per sms; Sie müsse nun schweren Herzens doch absagen. Sie will nicht, dass er sich verarscht vorkomme und dauernd blöd hingehalten würde.

Er antwortet: 'Ok. Gute Nacht.'

Was in dieser Nacht wirklich geschah erfährt er nie.

Jetzt FÜHLT er die Bedeutung der Quelle ABSOLUTEN Wertes.

Es bedeutet: Egal was erlebt wird, egal was gefühlt wird. Es ist wertvoll. Für ihn. Es ist die Welt des Absoluten. Die Welt hinter den Gegensätzen.

© MJW