Fauler Geier / schockierter Schmetterling

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Fauler Geier / schockierter Schmetterling | story.one

Vor knapp zehn Jahren heiratete ich. Im Romantikgarten eines Burghotels. Im Pavillon L’amour.

An dem Tag gab es Tote. Vermutlich. Vielleicht auch nicht. Bestimmt nicht. Auf keinen Fall..!

Die Planung organisierte ich detailliert. Ließ nur etwas Raum für «Anregungen» der Gäste. Und den dezenten Hinweis: « Auf keinen Fall Tauben!!!»

Das Hotel besaß so einen Link zu einem Adler. Vielleicht war es auch ein Falke. Für mich sind die alle gleich. Jedenfalls versuchte ich den Adler zu buchen. Der sollte uns die Ringe flugs bringen. Dies hätte ich noch schön gefunden. Nur war der Adler ein Workaholic. Viel unterwegs, immer am Arbeiten. Ständig Ausgeflogen und Ausgebucht. Oder doch einfach nur faul...? Weiß der Geier….

Meine Schwester kam dann auf die Idee mit den Schmetterlingen. Diese sollten wir nach der Trauung in die Lüfte schweben lassen. Hierbei handelt es sich um einen hawaiianischen Brauch und dieser passte perfekt zu unseren Flitterwochenziel. Nachdem sie sich erkundigt hatte, dass alles artgerecht mit den Schmetterlingen von statten ging machte sie die Bestellung. Nur kamen die 20 Flieger schockgefroren und man sollte gewisse Anleitungen (Zeiten, Temperaturen...Auftauen...) korrekt befolgen um die genau im richtigen Moment, aufgetaut, entschockt, fliegen zu lassen.

Soweit so gut. Die kleine Schachtel sandte auch kurz vor der Trauung akustische Signale.

Frisch vermählt übergab uns meine Schwester dann die Butterfly-Box. Mir schmetterlingte eine gewisse Problematik. Daher hielt ich lieber die Box und überlies meinen Frischangetrauten die Öffnung (war dann seine Schuld 😉).

Ein paar Schmetterlinge flogen dann wirklich heraus. Sie besiedelten mein Brautkleid und entlarvten zwei andere, zu hell gewählte Kleider. Es gab Ahhhhs und Ohhhsss. Dann mehr Ohhhhs. Denn einige waren noch immer schockgefroren (oder tot?) und lagen in der Kiste. Was nun machen. Wie beatmet man Schmetterlinge...? Todesfälle am Hochzeitstag…?

Wir gaben ihnen Zeit. Meine Schwester, die jeden Regenwurm aufliest und rettet, übernahm das. Später flogen sie alle davon. Zum Teil schockiert, aber sie flogen.

Wir hatten uns für eine kleinere Hochzeitsgesellschaft entschieden und für alle Gäste Zimmer im Hotel reserviert. So konnte jeder entspannt etwas trinken und sich am nächsten Morgen zum zweiten Male auf die Hochzeitstorte stürzen.

Früh dann die erlösende Nachricht. Noch vor dem Frühstück. Meine Tante, ehemals Floristin, fand den Schwarm. Der Garten des Ritterhotels hatte nämlich einen Schmetterlingsbaum. Sie hatten es gut da. Und direkten (Hallen)-Poolblick.

18 Exemplare zählten wir. Brautpaar und Gäste happy.

Und die zwei anderen…

Mir persönlich gefiele der Gedanke… dass sie sich vor Schock entschockt unsterblich ineinander verliebt hatten und schon mal vorgeflogen waren… nach Hawaii…

© Moana 31.05.2020