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Memoiren einer Bank

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Memoiren einer Bank | story.one

Da war ich also. Von Zürich-Kloten nach Wien-Schwechat. Das Seminar besuchen, welches das ganze Wochenende bis in den Abend ging. Danach mit Schallgeschwindigkeit Montagfrüh zurück nach Zürich und direkt zur Arbeit.

Ein Seminar, dass mein Zeitmanagement auf wundersame Weise von Buchhaltung und «Buch»-Schreiberei verknüpfen sollte. Eines schönen Tages…

Unsere einzige Aussenübung fand beim U-Bahnhof Hietzing statt. Das «Notieren» sollte gelernt werden, Techniken ausprobiert und im besten Fall, eigene, kultiviert werden.

Jeder suchte sich nah am Palmenhaus eine Bank aus. So sass ich da und liess die Umgebung auf mich wirken. Im ersten Moment wurde ich traurig, wusste ich doch, dass diese knappe Stunde hier, einer der wenigen Eindrücke sein würde, die ich vom wunderbaren Wien erhalten werde. Ausser Hotel und Seminarraum.

Die Bank ist sehr unbequem und ich suche noch eine geeignete Sitzposition, wo ich nicht das Gefühl habe, dass meine weichen Schichten zwischen den Platten eingeklemmt werden. Ich sehe und notiere einiges. Die Jogger auf 9 Uhr. Das Hochzeitspaar samt Garde auf 11 Uhr. Die Frauen mit Kinderwagen auf 7 Uhr. Dann verändere ich die Perspektive und versuche von den Lippen zu lesen. Was ich nicht verstehe, stelle ich mir vor. Danach mache ich dasselbe mit den Gesichtsausdrücken.

Während ich leicht fluchend auf diesem alten abgeblätterten Ding rumrutsche, treffen mich die ersten Sonnenstrahlen an der Nase. Der Palmengarten erwacht. Mein Kugelschreiber verharrt still auf dem Papier…

Schaue ich viel zu gefiltert in die Welt? Was ist zum Beispiel mit dieser Bank... Warum lasse ich sie ausser Acht? Ist es nicht gerade so, dass sie viel mehr Geschichten als ich zu erzählen hätte… Mein Kugelschreiber fliegt bereits über das Notizheft, kommt meinen neuen Gedankensprüngen nicht hinterher…

Und nun fühlt sich die Bank plötzlich nicht mehr alt, unbequem und hässlich an. Sondern eher weise, lebenserfahrend und unglaublich inspirierend.

Ich sehe, die Pärchen, die auf ihr geschmust haben. Die Tränen, die bei Trennungen geflossen sind. Die Küsse, die den Abend oder den Morgen und Alles was später kam, eingeläutet haben. Die Frauen, die ihre Babys liebevoll in der Morgensonne stillten. Den älteren Herrn, der seit 15 Jahren auf eben dieser Bank seine Zeitung liest. Den Entwickler, der um sich zu erden immer wieder hierher kommt und atmet. Die 80-Jährige, deren Knochen im Knie schmerzhaft aufeinander reiben. Die aber mit ihrem verstorbenen Mann hier stets die Nachmittagsspaziergänge bestritten hat, und sich erinnern mag. Daher schleppt sie sich hierher. Tag für Tag…

Der Bank, die mir noch so viel preisgeben möchte, gebe ich ein Versprechen. Ich werde wiederkommen und mir diesmal Zeit nehmen und ihr zuhören.

Lächelnd philosophiere ich, was mir Wien bei meinem nächsten Besuch alles bieten wird. Was ich erleben könnte und welche Begegnungen ich haben werde. Wenn schon eine einzige Bank so viel zu erzählen hat…

© Moana 24.04.2020

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