Das Cool-Board

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Das Cool-Board | story.one

Ende der Grundschulzeit hatte ich einen besten Kumpel. Michi.

Unsere tiefe Freundschaft besiegelten wir eines Tages in einem verrotteten Schrebergarten, mit einem alten Schweizer Taschenmesser. Wir ritzten uns in die Hand und machten indianermässige Blutsbrüderschaft….

Wir verbrachten jede freie Minute im Alter von 10-13 Jahren zusammen. Es war nicht so, dass wir stundenlang quatschten. Viel mehr fühlten wir uns wohl miteinander, hatten denselben Humor und heckten die gleichen Streiche aus. Michi war auch gerne bei uns zu Hause. Bei sich weniger. Seine Eltern kümmerten sich nicht wirklich um ihn und passten kaum auf, was er den ganzen Tag machte...

Nach der Schule hingen wir entweder irgendwo zwischen dem Rathaus Steglitz und Zehlendorf-Mitte ab, fuhren ein paar Runden zwischendurch, aßen Döner. Michi war ein absoluter Tony Hawk Fan. Tony Hawk war Gott. Immer wieder versucht er mir zu erklären was Moshen, Slam etc. ist, aber manche Begriffe blieben mir ein Buch mit sieben Siegeln.

Nichtsdestotrotz hatte ich eines Tages auch ein Board. Fahren konnte ich. Sicher und zügig die Berliner Strasse entlang. Die Treppensprünge, Drehungen und all dies überließ ich aber liebend gern meinen Kumpel. Stolz war ich auf ihn, wenn die Mädchen ihn anhimmelten. Ihn interessierte es nicht und er ging lieber lässig zu mir und legte mir den Arm um die Schultern und schwupps waren die Mädels wieder verschwunden. Während ich ihm zuschaute, stand ich manchmal etwas ungelenk dar und hielt das eigene Skateboard möglichst cool unter dem Arm. Michi taufte mein Skateboard daraufhin Cool-Board und ich kam mir ungeheuer verwegen vor.

Als ich mit 13 meinen ersten Freund hatte und wir mittlerweile gemeinsam in der Oberstufe waren, nahm ich Michi zu den «Dates» mit. Während mein fast 18-jähriger Freund und ich auf der Bank in Zehlendorf-Mitte wild knutschten, sass Michi daneben oder fuhr seine Skaterrunden und passte aufs Cool-Board auf. Einmal schlief er neben uns sogar auf der Bank ein. Doch ich wusste es besser. Michi passte auf mich auf. Wäre mir einer blöd gekommen oder hätte was gewollt, was ich noch nicht wollte, dem hätte er ohne mit der Wimper zu zucken, sein heißgeliebtes Skateboard über den Kopf gehauen.

Irgendwann wollte der fast 18-Jährige auch mit mir mal « alleine» sein... Als ich da Michi auch mitnehmen wollte, wurde es ihm wohl doch zu bunt. Eventuell war es auch mein Mädchentop mit den Pandas drauf….

Michis und meine Freundschaft hielt noch ein Jahr ca. Wir hatten neue Interessen, neue Freunde. Er seine ersten Freundinnen. Es gab keinen Streit, kein Drama. Es kam eher schleichend und machte es uns einfacher, los zu lassen, schätze ich.

Viele Jahre später habe ich erfahren, dass er eine Klassenkameradin geheiratet hat und zweifacher Vater wurde. Ich hoffe er ist glücklich. Er ist ganz sicher ein guter Papa, kümmert sich liebevoll um die Familie und passt immer auf seine Kinder auf.

Er konnte schon immer besonders gut auf andere aufpassen❤️

© Moana