Verehrung, Herr Doktor

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Verehrung, Herr Doktor | story.one

Gestern sah ich Sie dort sitzen, Herr Doktor, auf der kleinen Bank im Aufenthaltsraum. Sie sitzen nicht mehr dort. Eine Zeitlang habe ich Sie im Heim besucht. Ihre Gattin hatte mich gebeten. Ich mochte Sie, Herr Doktor, ich vermisse Sie. Einmal hat sich eine Besucherin mokiert, weil ich „Herr Doktor“ zu Ihnen sagte. Sie waren Jurist und leidenschaftlicher Historiker. Ein Herr waren Sie auf alle Fälle und Akademiker. Politisch wären wir wohl nicht einer Meinung gewesen, Herr Doktor, hätten wir uns früher kennen gelernt.

Damals hätten Sie das N*-Wort kaum benutzt, so laut und hartnäckig auf den Praktikanten gemünzt, der Ihnen Angst machte. Sie beobachteten misstrauisch, wie er eine verwirrte Bewohnerin beim Essen unterstützte. Dass Sie ein weltgewandter Herr sind, habe ich Ihnen versichert, gemeinsam haben wir gesehen, wie sorgsam der junge Mann mit der Frau umging, wie geduldig er war. „Wie die Kinder sind die“, schlossen Sie.

Ein Mann von Welt, dass Sie das - oder was ich eben dafür halte - waren, konnte Sie manchmal trösten, wenn die Angst überhandnahm. Die Ängste: dass nichts aus Ihnen werden würde, dass die jungen Männer Sie in die Gruppe nicht aufnehmen würden, dass Sie, dass wir zu groß sind oder zu klein. Dass jetzt, wo Sie die Haare verloren haben jeder Sturz tödlich sein könnte. Das Wimmern der Mitbewohnerin. Die junge Frau, die unruhig den Gang auf und ab rannte. Dass Sie sich keinen Hut leisten können. Dass Ihre Schuhe weg sind, die edlen Budapester. Dass Ihre Frau Sie nicht heiraten würde. Oh ja, da waren viele Ängste, alte und neue. Und das Ticken der Uhr.

Es ist Ihnen nicht aufgefallen, Herr Doktor, aber ich habe mich immer blau angezogen, wenn ich Sie besuchen kam. Ich trug die gute Uhr meines verstorbenen Vaters und den Siegelring. Blau war ihre Lieblingsfarbe und der Ring interessierte Sie immer wieder aufs Neue. Status. Ich wusste wenig über Ihr Leben. Einmal habe ich gegoogelt, einen Leserbrief von Ihnen kurz angelesen. Ich habe beschlossen, ich muss nichts wissen oder das Wenige reicht und so war es. Oft haben wir lange miteinander geschwiegen. Tee getrunken. Manchmal haben Sie mich weg geschickt. Das erste Mal hat es mir einen Stich gegeben. Dann dachte ich an Ihre Freiheit, auf meine Gesellschaft zu verzichten. Besser sie schickten mich weg, als Ihre Frau.

Sie waren mir vor allem am Schluss ein Zen-Meister, Herr Doktor. Jetzt sind Sie frei. Und ich sehe Sie manchmal dort sitzen. Manchmal trage ich blau. Verehrung, Herr Doktor.

© Mock_Turtle 15.01.2020