Als ich Art Garfunkel traf

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Als ich Art Garfunkel traf | story.one

Mein Freund arbeitete in einem renommierten Veranstaltungshaus, in dem ich auch dann und wann gratis Konzerte ansehen konnte, hinter die Bühne schlüpfen und im VIP Bereich ein wenig herumstreunen durfte. An einem Abend, ich war um die zwanzig, half ich beim Catering aus, um ein paar Euro dazu zu verdienen. Etwas aufgeregt stand ich in weißer Kochschürze im schwarz gestrichenen Gang des VIP Bereichs, schnitt auf einem kleinen Tisch Obst in Stückchen und lauschte ein wenig der Musik, die vom Soundcheck auf der Bühne zu mir herüber schwebte. In der Küche daneben hantierte der Chefkoch, es roch schon herrlich nach Putenschnitzeln und Kartoffeln.

Plötzlich stürmte jemand laut schimpfend hinter mir den Gang entlang. Ein kleiner Mann mit Glatze und strubbeligen Locken, seitlich über den Ohren, hielt knapp vor mir an und warf mir einen erschrockenen Blick zu! Er taumelte zwei Schritte rückwärts, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und brach dort an Ort und Stelle zusammen. Er rutschte einfach auf den Boden hinunter und weinte haltlos in seine Knie. Ich reagierte schnell! Besorgt beugte ich mich zu ihm herab und legte meine Hand auf seinen Arm. "Are you okay? Do you need help?"

Eine Frau in hochhackigen Schuhen stöckelte heran, stoppte dicht hinter mir, schob mich zur Seite und half dem berühmten Art Garfunkel wieder auf die Beine. Sie schleppte ihn untergehakt, mit beruhigend gemurmelten Worten, in sein Ankleidezimmer neben der Küche. Stocksteif stand ich da und war mir nicht sicher, ob das gerade wirklich passiert war! Die Frau, die sich als seine Managerin heraus stellte, kam prompt zurück, legte mir beide Hände auf die Schultern, seufzte tief und sagte: "I am so sorry!" Sie erklärte mir weiter, dass das öfter vorkam, wenn ihm der Soundcheck nicht passte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste, dass es ihr wirklich sehr leid tat, dass ich das jetzt mit ansehen musste und...

Ich habe keine Ahnung was sie noch alles zu mir sagte, denn ich war abgelenkt von einem nun ruhigen, aufgeräumt wirkenden Art Garfunkel, der hinter ihr aus dem Zimmer kam und mir verschämt zulächelte. Er hatte sein Hemd gewechselt, kam näher heran, klopfte mir leicht auf meine linke Schulter und murmelte sowas wie: "Don´t mind!", bevor er wieder in Richtung Bühne verschwand.

Wow! Art Garfunkel, diese Legende der Musikwelt, hat meine Schulter berührt! Und ich durfte unverhofft teilhaben an einem emotionalen Ausbruch eines weltberühmten Künstlers, wärend ich Obst für sein Abendessen schnipselte.

Wer hätte gedacht, dass dieser Abend so bedeutend werden könnte! Über das Privileg hinaus, diesem wunderbaren Menschen zu lauschen, ereignete sich auch noch ein so persönlicher Kontakt mit jemandem, den ich seit meiner Kindheit in gebrochenem Kinder-Englisch nachgesungen hatte:

"Laik a britsch owa trablt woda, ju ken bring mi daun..."

Wie treffend doch die Zeile, die mir immer zuerst einfällt, wenn ich an Art Garfunkel denke!

© MonaLena