Bett-Gewohnheiten

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Bett-Gewohnheiten | story.one

Er hat seinen festen Platz an der Innenseite der Schlafstätte, wo das Bett an der Wand steht, und er über sie hinweg klettern muss, wenn er es verlassen möchte. Er tut es möglichst leise und respektvoll, um sie nicht zu wecken, wenn er sich wieder einmal zu nachtschlafender Stunde, also vor fünf Uhr morgens, aus ihrer gemeinsamen Ruhe davon stiehlt. Er tut dies nicht nur zum Erledigen seiner liegengebliebenen Arbeiten, sondern auch, weil er ein Morgenmensch ist, ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die sich selbst als Nachteule bezeichnet, und gerne noch einige Extrastunden auf der Matratze verbringt. Er sitzt allein und konzentriert am Computer, genießt die einsame Zeit vor Sonnenaufgang, nachdem er einen Spaziergang durch die Finsternis unternommen hat, der seine Lebensgeister weckt, ihm Kraft und Inspiration gibt, für die kreativen Projekte, die an einem solchen Morgen vor ihm liegen.

Sie dreht sich inzwischen verärgert im Bett hin und her, weil er sie natürlich geweckt hat, denn es kann ihm gar nicht gelingen sich so leise aus dem Raum zu schleichen, dass sie es nicht bemerken würde! Selten gibt es jene Tage, an denen sie wieder einschläft und sich von seinen morgendlichen Aktivitäten nicht weiter stören lässt.

„Warum können sie nicht ihre Plätze tauschen, oder getrennt nächtigen, wenn er doch schon weiß, dass er am nächsten Morgen wieder so früh das Bett verlassen möchte?“, fragt man sich. Warum fällt es ihr so schwer ihn am Sofa ihm Wohnzimmer schlafen zu lassen? Das Haus ist derart hellhörig, das sie sogar sein leises Schnarchen und die Geräusche, wenn er sich im Traum auf die andere Seite dreht, oben im Schlafzimmer hören könnte.

Sie empfindet es als ein schlechtes Zeichen, wenn sie das Bett nicht miteinander teilen! Sogar wenn sie sich zanken, was wirklich selten so weit geht, dass sie nicht neben ihm schlafen will, kommt immer der Moment, in dem sie wieder zueinander finden. Gemeinsam, aneinander gekuschelt am selben Ort schlafen müssen! Dem Ort, an dem sie sich lieben, an dem sie ihre Kinder gestillt hat, an dem sie so vieles noch bereden, was vergangene Tage und ihre Gefühle betrifft, bevor sie das Licht zum Schlafen löschen.

Und da finden wir sie nun, in diesem Bett, in dem die Morgensonne mittlerweile das untere Ende erreicht hat, das Glas Orangensaft leer an der Kante steht, das geschlossene Buch daneben seine Geschichten für sich behält. Im Schneidersitz tippt sie bemüht diese Worte und die zarten Empfindungen, die zwischen den Zeilen liegen. Jeder Satz ein kleines Ärgernis, denn sie trifft die Tasten nicht genau. Die Worte verdrehen sich, die Buchstaben finden nicht den ihnen rechtmäßig zugedachten Platz und entstellen den Inhalt bis zur Unkenntlichkeit, so dass sie in einem zweiten Zug korrigiert werden müssen, was sie als lästige und unangenehme Arbeit empfindet.

Da kommt er plötzlich zurück! Schmiegt sich an sie, hält sie fest im Arm, kuschelt sie ein und lässt sie seine Liebe spüren. Wie jeden Morgen...

© MonaLena