Das stille Örtchen

  • 93
Das stille Örtchen | story.one

Nie wusste ich diesen Platz so sehr zu schätzen, als von meiner Mutterschaft an. Das stille Örtchen ist der geheime Rückzugsort für gestresste Mütter. Zumindest für mich wurde der Gang zum Klo zum heiligen Vorgang erhoben.

"Maaaamaaaa!", schallt es durch das Haus, wann auch immer ich versuche etwas zu tun. Ich beginne zu kochen, ein Kind braucht was, ich will die Waschmaschine befüllen, ein Kind ruft mich, ich stelle die Dusche an, ein Kind schreit nach mir, ich gehe aufs Klo...nein! Jetzt nicht mehr! Das WC gehört mir ganz allein.

Als sie noch kleiner waren, da verfolgten sie mich natürlich auch bis dorthin. Sie saßen zuweilen neben mir am Töpfchen, und zum Zwecke des Erlernens der persönlichen Sauberkeit, ließ ich das auch zu. Bevor sie laufen konnten, managte ich sogar mit schlafendem Baby im Tragetuch am Klo zu sitzen, um sie nur ja nicht zu wecken.

Dann versuchte ich es ihnen abzugewöhnen, was sich als schwieriger herausstellte, als gedacht. Sie klopften an die Türe, bis ich Antwort gab und erzählten mir lange Geschichten, sie kamen einfach herein, um mir Zeichnungen zu zeigen, mich in ihre Streitereien hinein zu ziehen oder mich nach etwas zu fragen, was sie nicht finden konnten. Selbst Kuschelanfälle mit Umarmung und Küsschen sind schon vorgekommen, während ich versuchte ein Häufchen zu machen.

Aber jetzt haben ich Ruhe! Ich fordere das ein, oder besser gesagt, ich melde mich jetzt immer brav ab. Ich gehe zu jedem Kind, lege ihm die Hand auf die Schulter und sage: "Ich bin jetzt am Klo!", um auch sicher zu gehen, dass sie mich hören, es registrieren und sich daran erinnern, dass Mutti jetzt mindestens für die nächsten zwanzig Minuten ihre Ruhe braucht! Auch wenn ich nur Pipi muss, diese zwanzig Minuten nutze ich voll aus.

Ich sitze mit runtergelassenen Hosen da, meditiere, singe ein Lied, denke nach, lese ein Buch oder eine Zeitschrift, nicke kurz ein und manchmal mache ich tatsächlich auch ein Häufchen. Geschrei ignoriere ich einfach und wenn sie dann doch in der Türe stehen, verfluche ich stumm die Tatsache, noch immer kein Schloss montiert zu haben. Aber das wäre ja auch unfair, nicht wahr? Ein Kind kann doch nicht einfach in der Küche die Hände waschen, oder warten, wenn es sich die Zähneputzen soll, oder die Schmutzwäsche fünf Minuten später in den Korb werfen...wo kommen wir denn da hin, wenn Mama plötzlich wirklich so viel Privatsphäre hätte, um einmal in aller Ruhe am Klo zu sitzen.

Es gibt ja Leute, die können nur zu Hause. Ich liebe es Auswärts, denn da stört mich meist tatsächlich keiner. Wenn ich dich also mal besuche und für eine oder zwei Stunden unauffindbar verschwinde, dann sitze ich wahrscheinlich auf deinem Klo und hole nach, was ich zu Hause nicht darf!

Und ich danke dir dafür! Von ganzem Herzen und mit blankem Po.

© MonaLena