Lunapark vs. Magen

Oh, wie ich das kontrollierte Risiko doch immer liebte! Das Wilde, den Nervenkitzel, die Überwindung! Vielleicht auch das "Wow", wenn ich mutig war und ein wenig vor anderen angeben konnte.

Ich hatte angst, von der Klippe ins Meer zu springen, aber ich tat es. Mir graute ein wenig vor den wilden Karussells, aber ich stieg ein. Das Motorrad meines Freundes machte mich nervös, aber ich fuhr mit. Arme in die Luft, schreien vor Vergnügen, kribbeln im Bauch!

Seit ich meine zwei Kinder geboren habe, bin ich weit davon entfernt! Nicht, weil ich es nicht wollte, oder weil sich natürlich auch die Vernunft mit allerlei "aber was ist wenn..." Gedanken in den Kopf drängt. Nein! Mein Magen rebelliert!

Nach der letzten Fahrt in einem "Lunapark-Rumdreh-Wackel-Dings", das sich mein Töchterchen im Urlaub ausgesucht hatte, war mir mehr als zwei Stunden speiübel. Grün um die Nase lag ich auf einer Parkbank und war heilfroh aus dem Höllengerät, mit den lieblichen Schmetterlingssitzen, lebendig wieder heraus gekommen zu sein. Während ich mich an der Querstange vor meinem Bauch festhielt und krampfhaft versuchte meinen Mageninhalt bei mir zu behalten, johlte mein Schätzchen neben mir vor Freude und schrie immer wieder: "Juhuuu! Es fährt noch eine Runde!" Ich bin Atheistin, aber ich betete trotzdem, dass diese Schreckensfahrt endlich ein Ende haben mochte. Im Geiste beschwor ich alle erdenklichen Göttinnen des Universums mir bei zu stehen. Tief unter uns sauste mein winkender Mann Runde für Runde vorbei, unser weinendes Söhnchen am Arm. Ihm gefiel es auch nicht, dass Mutti da oben so durchgewirbelt wurde. Ich malte mir aus, wie meine Kotze in weitem Bogen den gesamten Platz einnehmen würde, die knipsenden und filmenden Eltern und Großeltern besprengte und ich mir dann (wenige Minuten später) auf Youtube, aus einer anderen Perspektive, nochmal dabei zuschauen durfte. Und der Rest der Welt auch! Peinliche Hoppalas sind ja neben Katzenvideos die unumstrittene Nummer Eins im Internet! Wie war ich nur auf die Idee gekommen, mich in diese kinderfreundliche Todesmaschine zu setzen?

Seit diesem Tag ist es endgültig vorbei mit meinem Magen! Er hat so zu sagen "mit mir schluss gemacht" und weigert sich standhaft, Erschütterungen mit Ruhe hinzunehmen. Autofahren geht ja noch, solange ich vorne sizten darf, aber in die Hängematte muss ich mich heimlich legen. Wenn die Kinder auftauchen und mich darin anschaukeln, überkommt mich eiskalte Panik!

Manchmal wird mir auch schlecht, wenn ich ihnen beim Schaukeln zusehe. Abgesehen davon, dass sie natürlich viel zu hoch und gefährlich schaukeln!

Was mache ich nur, wenn ich im Alter einen Schwindel bekomme, oder einen Rollstuhl brauche? Dann werde ich wohl immer ein kleines Kotztütchen in meiner Handtasche mittragen müssen und darauf hoffen, dass mein junger, knackiger Pfleger kein Fan von kontrolliertem Risiko ist!

© MonaLena