Die Jungs-WG

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Die Jungs-WG | story.one

Nachdem sich mein Freund von mir getrennt hatte, ich meine Wohnung und geplante Zukunft verlor und so schnell wie möglich bei meinen Eltern wieder ausziehen wollte, nahm ich das Zimmer an. Es war klein, überteuert und am Ende einer Wohnung, die bereits von drei Jungs belebt wurde. Die Wohnung war schön, die Jungs verrückt!

Unterschiedlich, aber ein herrliches Trio! Einer studierte mit mir und bot mir an, das freie Zimmer zu bewohnen. Er war die Sorte 20-Jähriger, die sich immer irgendwie durch wurschteln und mit offenem Lächeln, der lustigen Art und ihrer erschreckend naiven Unverschämtheiten trotzdem punkten. Er war ein "Aufreißer". Sein bester Freund war sein Cousin und der zweite Mitbewohner. Um das Studium haben sie sich kaum gekümmert. Nur um die Mädels!

Der dritte im Bunde war der klassische Verlierer! Dicklich, dümmlich, ein unattraktives Anhängsel neben dem die anderen dann gleich noch besser ankamen. Der Arme! Aber ich hielt ihn auch nur schwer aus. Er hatte etwas unangenehm Befremdliches an sich. An den Wochenenden enthaarten ihm die beiden anderen Jungs (mit immer neuen, entwürdigenden Methoden) seinen Rücken. Als ich ihn eines Morgens unter rasch abgezupften Kaltwachsstreifen quieken hörte, verließ ich fluchtartig die Wohnung!

Wenn ich müde von der späten Arbeit oder der Uni heim kam, kämpfte ich mich durch einen Berg Damenschuhe im Flur. Die Jungs in der Küche, massig Alk am Tisch, unbekannte Mädels drum herum, alles verraucht. Sie spielten leidenschaftlich gerne Karten, so lange, bis sich die Doppelaufreißer mit ihren Auserwählten ins Zimmer verzogen und der immer übrig bleibende Freund alleine dastand. Dann lief er schimpfend in der Wohnung auf und ab, während er versuchte die Lustgeräusche aus den Nebenzimmern auszublenden. An Schlaf war kaum zu denken in der Jungs-WG.

Und an Privatsphäre auch nicht! Wenn ich in der Badewanne saß, mir genüsslich im Schaumbad eine Zigarette drehte, flog die Tür auf und mein Studienkollege kam rein. Er setzte sich ungeniert an den Wannenrand und sah grinsend auf mich herab. Es war ihm egal, dass ich die Türe eigentlich abgeschlossen hatte! "Gibst du mir was von deinem Tabak? Meine Tschick sind aus!", meinte er und langte über mich hinweg zum anderen Wannenrand um sich das Feuerzeug zu nehmen. Er drehte sich in aller Ruhe eine, während er mir die Highlights vom letzten Abend berichtete. "Sebastian! Ich bade gerade! Würdest du bitte gehen?"

"Ach, das stört mich nicht!", meinte er nur und rauchte, ohne sich vom Fleck zu rühren.

Morgens, wenn ich aufstand, war die Bude leer und verdreckt. Die schliefen ja alle noch. Verstohlen schlich sich mal ein Mädchen raus, murmelte was von: "Komme noch zu spät zur Uni...", und ward nie wieder gesehen. Ich liebte die Jungs-WG. Keine Streits, kein Zickenkrieg und in meinem kleinen Zimmer ließen sie mich dann doch in Ruhe. Nur ein wenig mehr Schlaf wäre gut gewesen, dann hätte ich das erste Jahr an der Uni vielleicht wirklich schaffen können...

© MonaLena