Ein altes Handwerk

Das Spinnrad habe ich von meiner Mutter geborgt bekommen. Es ist schön, aufwändig verziert und voll intakt. Sie erzählte mir die Geschichte meines Ur-Groß-Onkels, der es selbst gedrechselt hatte. Er war im 2.Weltkrieg in Russland gefangen gewesen und aufgrund seines großen handwerklichen Geschicks, das ihn nützlich machte, überlebte er. Ausserdem musste er seinen Namen verändern, damit er nicht zu jüdisch klang. Er war einer der großen Kreativen in meiner Erblinie mütterlicherseits und ich bin stolz und glücklich, dass sich diese Kreativität bis zu mir weiter vererbt hat.

Ich kann jetzt spinnen! Ich wusste das nicht von mir, aber ich habe ein wahres Talent dafür. Manchmal muss man im Leben einfach etwas ausprobieren, sonst lernt man sich selbst ja gar nicht richtig kennen. Frei nach dem Motto: Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe! (Pippi Langstrumpf)

Auf einem Bauernhof in meiner Gegend werden Kurse angeboten, um Wolle auf unterschiedliche Weise zu verarbeiten. Ich war dort bei einem Filzkurs und hatte mir herrlich warme Hauspatschen gefilzt, als ich auch das Angebot für den Spinnkurs entdeckte. Jetzt braucht keiner mehr zu mir sagen: "Geh! Hör doch auf so zu spinnen!", denn jetzt kann und darf ich das hochoffiziell. Ich habe ein Zertifikat!

Schon dreht sich das Rad, ich finde meinen Rhythmus, die weiche Wolle eines geschorenen Alpakas gleitet mir durch die Finger. Immer ein wenig ziehen, den Faden schön dünn verspinnen, nur nicht zu viel Drehung drauf bringen. Schafwolle ist etwas schwieriger zu meistern, aber auch Flachs und Fasern von Bambus habe ich versucht...

Die Arbeit am Spinnrad ist meditaiv. Meine Gedanken werden ruhig, sie hören auf sich um alltägliche Probleme zu drehen, nur das Rad schnurrt vor sich hin. Das alte Spinnrad und diese alte Arbeit. Ist es das Rad der Zeit? Ich falle in konzentrierte Trance, sehe Bilder von alten Burgen, in denen im Winter gesponnen wurde, sehe die harte Arbeit und Rumpelstilzchen, wie es Stroh zu Gold spinnt. Wie erstaunlich lange es doch dauert, um einen fertigen Faden zu erhalten. Unglaublich mühsam muss es früher gewesen sein, bis ein wärmendes Kleid fertig war.

Und ich kann es! Ich stelle selbst Wolle her! Es ist schön so ein altes Handwerk zu meistern und sich auf die Spurensuche der Vergangenheit zu begeben. Das klappert und surrt, das flüstert und rollt, das zieht und verwirrt, das dreht und bewegt sich und reißt mich mit fort in einen tiefen Sog aus Ruhe und Zufriedenheit. Wenn jetzt einer sagt: "Die spinnt!", dann sage ich nur: "JA!", und bin höchst zufrieden damit.

© MonaLena