Eingesperrt

"Da hatte ich eine Panikattacke!", das ist leicht dahin gesagt. Aber wenn sie dich wirklich einmal erwischt, dann ist nichts mehr "leicht"! Was es bedeutet in Panik zu geraten, von diesem Zustand attackiert zu werden, plötzlich zu merken, dass du mitten drin steckst und dir der Boden unter den Füßen schwindet wie Treibsand...

Ich schrie! Ich schrie: "HILFE!", wie ich noch nie zuvor geschrien hatte. Der Klang meiner eigenen Stimme warf sich in dramatisch schnellem Tempo von den Wänden her auf mich zurück und verstärkte die klaustrophoben Gefühle, die der kleine Raum ohnehin schon provozierte. Der Schweiß brach mir eiskalt am Rücken aus. Meine Stimme überschlug sich und das "Hilfe!" krächzte, brach ob seiner Hilflosigkeit ab und verebbte in meinen Stimmbändern, als es sich zu einem leisen Wimmern und Weinen verwandelte...

Ich war eingesperrt!

Ich war allein!

Ich konnte keinen Kontakt zur Außenwelt herstellen!

Erst in zwei Tagen würde wieder jemand hier her kommen, das war gewiss.

Wie spät war es?

Ich hatte keine Uhr. Mein Handy war nicht bei mir und die Erkenntnis, das sich das Deckenlicht und der Ventilator nur von Außen bedienen ließen, kroch als Warnung in mir hoch, dass ich die Zeit verlieren würde.

Aber da war Wasser! Ich würde nicht verdursten!

Du möchtest wissen, wo ich hingeraten war?

Ich saß fest im WC in der Jungs-WG! Klingt nicht dramatisch oder?

OH DOCH!

Die drei Jungs, mit denen ich wohnte, waren gerade ins Wochenende aufgebrochen. Alle ausgeflogen! Das fensterlose WC befand sich in der Mitte der Wohnung und kein noch so lautes Rufen oder Klopfen könnte einen der wenigen Nachbarn hier aufmerksam werden lassen. Zwei Meter mal eineinhalb! Ich weinte und schwitzte und schrie! Sinnlos! Wie sollte ich schlafen? Wie sollte ich wissen wie viel Zeit vergangen war? Warum hatten wir den blöden Sperrmechanismus nicht repariert, nachdem sich vor zwei Tagen bereits Sebastian um drei Uhr morgens aus versehen selbst gefangen hatte? Es dauerte eine Stunde ihn zu befreien! Ich schrie aus Leibeskräften und das wahnsinnige Zittern drehte mir, mit dem Geräusch des ewig summenden Ventilators, den Magen um. Das wummern in den Ohren wurde lauter. War ich das? Ich sah meine Beine gegen die Türe treten!

Eine leise Stimme: "Hallo?"

Welcher Engel hatte Sebastian dazu gebracht seine Geldbörse im Zimmer zu vergessen?! Er kam zurück! Er sprach mir gut zu und lachte wie irre. Er schob mir flach gedrückte Zigaretten und Zündhölzer unter dem Spalt der verdammten Türe durch, bis er mich aus meinem scheinbar immer enger werdenden Gefängnis heraus operiert hatte!

Panikattacke! Die Panik attackiert dich! Du gerätst außer Kontrolle und erst wenn dich dein Wohnungskollege rettet und du das verfluchte Schloß aus der Türe ausgebaut hast, bist du wieder zurück am Boden der Tatsachen:

Es war das WC! Ich hätte es überlebt!

Aber noch heute sperre ich nicht zu, wenn ich aufs Klo muss, nur bei Kabinen. Wie soll man sich denn da sonst jemals wieder entspannen können!

© MonaLena