Gebrochen? Ja!

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Gebrochen? Ja! | story.one

Endlich geht es los! Wir haben alles gepackt, die Kinder sitzen bereits im Auto und ich drehe noch die letzte Runde durchs Haus. Sind alle Fenster zu? Die Pflanzen gegossen? Das Katzenfutter bei der Nachbarin? Okay! Wir haben nichts wichtiges vergessen, soweit das bei zwei kleinen Kindern und der Aussicht auf drei Wochen am Meer überhaupt möglich ist.

Mit den Gedanken schon zur Türe raus, schnappe ich noch Jause und Getränke für unterwegs, und den letzten Rucksack, der da am Küchensessel steht. Das ist meiner! Wieder mal viel zu schwer beladen, denn es stellt sich immer als eine fast unmögliche Aufgabe heraus, nur das Wichtigste in meine Taschen zu packen! Ich hebe ihn an. UFF! Hänge ihn mir schwungvoll über die linke Schulter! Das denke ich zumindest, denn einer der Träger verhakt sich mit der Stuhllehne, zieht den Rucksack runter Richtung Ausgangsposition und weil er eben zu schwer ist und ich die andere Hand nicht frei habe, fällt er schief auf den Sessel. Der fällt um und auf meine nackten Zehen! Die Kante der Sessellehne schmettert krachend auf meine ungeschützten Zehengelenke nieder, beschleunigt durch das Gewicht des verdammten Rucksacks, und mit dem sicheren Wissen, das der einschießende Schmerz mir vermittelt, merke ich: "Da ist jetzt was gewaltig kaputt!"

Ich habe noch nie so geheult und mich so hilflos gefühlt. Ein Schrei aus kehliger Untiefe bricht sich Bahn, gefolgt von waagrecht wegspritzenden Tränen des Zorns und der Schock schüttelt mich zu Boden. Mein Mann kommt gelaufen, die Kinder auch! Ich kann gar nicht erklären, was gerade passiert ist, deute nur auf meinen Fuß. Er bringt mir eine Decke, weil ich wie eine Erfrierende zittere! Die Kinder wollen sich auf mich werfen, um mich zu trösten, und ich bekomme Panik, dass sie mit ihren kleinen Füßen an meine pulsierend anschwellenden Zehen stoßen.

Was soll ich jetzt tun? Ins Krankenhaus fahren und mich röntgen lassen? Ich will aber nicht! Ich will jetzt auf Urlaub fahren und alle anderen auch! Außerdem hatte ich versprochen die erste Etappe der Fahrt zu übernehmen!

Ich klebe die Zehen mit grünem Kinesio-Tape aneinander. Im Krankenhaus würden sie bei einem Bruch auch nichts anderes tun, das wusste ich! Dann stecke ich den Fuß vorsichtig in den Turnschuh, ziehe ihn fest zu und fahre zwei Stunden tapfer Richtung Istrien! Endlich nehme ich eine Schmerztablette, ziehe die Schuhe aus, wage es nicht mir die dicken, blau-grünen Zehen näher an zu sehen und falle erschöpft in einen tiefen Schlaf am Beifahrersitz.

Drei Stunden später klettern die Kinder und ich aus dem Wagen in das raue, trockene Gras am Strand und essen Frühstück auf den Felsen, die von der ersten Morgensonne beschienen werden. Zwei Wochen hinke ich noch vor mich hin, mit bunt zusammengelebten Zehen, die panisch den unachtsamen Kinderfüßen ausweichen. Aber ich hätte keine Stunde dieses tollen Urlaubs mit einem Krankenhausbesuch verschwenden wollen! Am Meer bin ich einfach happy, auch mit gebrochenen Zehen!

© MonaLena