Spieltrieb

"Hallo!", winke ich über den Zaun meinem Nachbarn zu. Er schaut mich verdutz an! Habe ich was falsch gemacht? Dann lächelt er und grüßt zurück.

Die Kinder sind bei mir im Garten. Wir spielen mit den Hula Hoop Reifen und bringen uns kleine akrobatische Kunststücke bei, während uns die Sommersonne wärmt. Heute spielen wir Zirkus und ich bin der Direktor. Dabei kann ich selbst ein wenig üben, darf aber nicht den Kontakt zu den Kindern verlieren, denn ich muss stets ihren Fantasien folgen.

"Jetzt mag ich nicht mehr, Mama!", die Kinder wollen lieber, dass ich ihnen nochmal ein Theater vorspiele. Dabei muss ich mich auf möglichst dumme Weise bewegen und sie zum Lachen bringen. Ich bemühe mich redlich, mir immer wieder neue Spektakel einfallen zu lassen. Mama ist eine Clownin, ein Hans-Wurst, ein Monster, ein strenger Polizist und die alte Dame mit der nasalen Stimme, die immer mit ihrem Pudel "Cindy" vorbeikommt. Die Stimmen muss ich passend verstellen, dann kugeln wir uns vor Lachen auf der Wiese. Später fordere ich meinen Sohn, der ein echtes Glückskind ist, im UNO heraus. Egal, wie ich die Karten mische, er gewinnt eine Partie nach der anderen.

Wenn alle da sind, spielen wir gerne Brettspiele, auch die Oma, Onkel, Tanten und Besucher sind mit von der Partie. "Mensch ärgere dich nicht" wird grundsätzlich mit verschiedenen Figuren aus Überraschungseiern oder dem Setzkasten gespielt. So macht es gleich noch mehr Spaß: "Ja! Glücksschwein schlägt den Drachen und lauert jetzt dem Legomännchen auf! Wird Papa noch klein Schäfchen ins Ziel bringen, bevor sich Darth Vader nähert?" So muss das auch immer kommentiert werden, die Kinder sehnen sich danach.

Zu Weihnachten hängen wir ein Tuch in die Tür, dahinter spielen mein Mann und ich ein erfundenes Kasperltheater. Die Kinder leben so sehr mit den Handpuppen mit, dass wir in unserem Versteck viel zu lachen haben. Da wird dem "Kastal" gleich mal ein Taschentuch angeboten und alle paar Minuten gucken die Kinder hinter den Vorhang um sicher zu gehen, dass dahinter alles mit rechten Dingen zugeht.

Verkleiden steht fast täglich am Programm. Manchmal vergesse ich, wer ich gerade bin, denn bei den vielen Rollenwechseln, die die Kinder von mir verlangen, komme ich ganz durcheinander. Früher, im Kindergarten, war es normal, dass unsere Kids auch außerhalb der Faschingszeit mal als Prinzessin oder Marienkäfer auftauchten. Sie lieben die selbst genähten Kostüme, was mich besonders freut! Ich finde das herrlich und lasse mich, zur Belustigung der Erwachsenen, oft mitreißen! Dann fahre ich auch mal mit dem Katzenohrenharreifen in die Arbeit, weil ich vergesse, ihn vorher wieder abzunehmen.

Und nun weiß ich auch, warum der Nachbar mich so komisch anguckt. Heute bin ich ja geschminkt, mit der Theaterschminke! Das hatte ich auch ganz vergessen! Egal! Ich mag es, ein wenig verrückt zu sein! Das hab ich meinen Kindern zu verdanken, dass ich ihn wiedergefunden habe, meinen freudigen Spieltrieb! Danke.

© MonaLena