Tabu Thema

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Tabu Thema | story.one

Mir fallen die Haare aus!

Das ist eines der Themen, das unter Frauen nicht gerne angesprochen wird. Grau werden, das geht ja noch, das lässt sich kaschieren und vertuschen. Haarfärbemittel gibt es genug, auch zum billigen, schnellen Selbstfärben, oder eben zu horrenden Preisen beim Frisör. Aber wenn die Haare immer weniger werden, dann ist das tragisch, besonders bei Frauen.

Bemitleidet oder aufs Korn genommen, so geht es den jüngeren Männern, wenn sie ihre Haare verlieren. "Oi, bist du alt! Du siehst aus wie mein Opa! Dein Baby hat die gleiche Frisur, es muss wohl von dir sein...", und allerlei andere Spötteleien kommen da auf die Haarlosen zu. Geheimratsecken sind meist das erste Anzeichen eines beginnenden Verfalls der Haarpracht, dann folgt die kahle Stelle, da wo der Papst sein Käppchen trägt und Juden mit der Kippa erfolgreich ihre Nacktheit oben rum verbergen können. Gerne werden Männer dann zu Hutträgern, Baseballkäppchen-Typen oder Haubenliebhabern. Das kann auch sehr nett aussehen und passend zum Outfit eine schöne Ergänzung sein. Das Kämmen der verbliebenen Haare über kahl gewordene Stellen ist ein alter Kniff, der jedoch ganz aus der Mode gekommen ist. Aber was machen die Frauen? Die Männer schauen neidisch auf ihre Artgenossen, denen das volle Haar bis ins hohe Alter geblieben ist, die Frauen verzweifeln!

Büschelweise verabschieden sich die langen Haare beim Kämmen, in der Dusche und im Bett. Der Zopf wird dünn, das Haar brüchig und kraftlos. Dann kommt das Volumen Shampoo, die spezielle Föhn-Technik und der Versuch Locken zu drehen, um das wenige Haar ein bisschen fülliger aussehen zu lassen! Nahrungsergänzungsmittel, Haarwuchsserum, Hormontherapie und zuletzt dann doch die Kurzhaarfrisur um den Flaum noch in Szene zu setzen. Schlussendlich aber geht das Haar wohin es will und verlässt auch Frauenköpfe gänzlich.

Eine Frau ohne Haare? Inakzeptabel! Also muss wohl die Perücke her. Mittlerweile sind die ja so gut gemacht, auch aus Echthaar, kaum zu erkennen, dass das nicht original am Kopf war! Erstaunt sehe ich einmal pro Woche meine Patientin mit wechselndem Haar-Style. Traurig denke ich an meine Uroma, die finanziell nicht das Glück hatte ihre verfilzte "Totes-Wiesel-Perücke" zu erneuern. Beeindruckt versuche ich Frauen nicht anzustarren, die ihre Glatze mit stolz tragen! Aber das sind wenige. Frauenglatzen müssen versteckt werden, denn eine Frau mit Glatze ist "nicht schön genug"!

Meine Patientin rollt frühmorgens zu Tür, es hat geläutet. Sie ist noch recht verschlafen, hievt sich in den Rollstuhl und öffnet. Der Postbote bringt ein Packerl, stellt es in den Vorraum und grüßt sie freundlich. Er plaudert kurz und da merkt sie, dass sie vergessen hat eine Perücke aufzusetzen. Sie entschuldigt sich aber er meint: "Das ist doch egal! Du bist ja trotzdem die selbe!" Ich weiß, wie viel ihr das bedeutet hat!

Mir fallen die Haare aus! Ich traue mich es zu sagen: "Auf meinem Kopf wird es Herbst."

© MonaLena