Tschernobyl und ich war noch klein

Meine Mutter kam in den Garten gelaufen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich sofort spürte, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Ihr Blick, ihre Haltung und die Angst in den Augen. Die Sirenen waren zu hören, aber die hatten wir schon gelernt zu ignorieren, denn sie betrafen uns ja nie. Laute Geräusche machten uns nicht so viel aus, da wir neben einem Sägewerk wohnten, der Bahnhof in der Nähe war und regelmäßig die Draken über unser Haus flogen.

Mama holte uns, alle Kinder sollten sofort ins Haus kommen. Schnell scheuchte sie uns aus dem Sand und hinein, Türe hinter uns zu. Das Radio lief und Berichte über die Ereignisse und Warnungen kamen durch.

In Tschenobyl gab es einen Unfall bei einem Atomkraftwerk. Wir verstanden nicht was das bedeutete, aber Mama sagte uns, dass wir nicht mehr in den Garten dürfen. Mit den Wolken, mit dem Wind, mit dem Regen würde ein Gift zu uns kommen. Es kann tödlich sein! Man merkt es erst nicht aber es kann Menschen und Tiere töten und auch die Pflanzen vergiften, so dass man sie nicht mehr essen darf. Wir Kinder dachten an unsere Hühner und sorgten uns. Die Katze war nicht nach Hause gekommen, der Hund jaulte im Vorhaus, wegen den Sirenen. Und Papa war nicht da! Er war in der Arbeit und wir hatten angst um ihn. Er musste ja auch Nachtdienste machen. War er in Sicherheit dort?

Die nächsten Tage konnten wir nur im Haus spielen. Mama musste aber einkaufen gehen und wir weinten, denn vielleicht war alles giftig draußen und sie würde nicht wieder zurück kommen. Wir saßen am Fensterbrett und warteten, bis sie wieder da war. Aber das beklemmende Gefühl blieb.

Heute hört sich das in Wikipedia so an: "Am 26. April 1986 kam es zu einer Kernschmelze und Explosion des Reaktorkerns, wodurch der Block (4) vollständig zerstört wurde. Große Teile des radioaktiven Inventars gelangten in die Umwelt. Das Graphit, mit dem der Reaktor moderiert wird, geriet in Brand und konnte erst Tage später gelöscht werden. Der Landstrich um den Reaktor musste geräumt werden und ist bis heute unbewohnbar. Die mit dem Rauch in große Höhe gelangte Radioaktivität wurde nach Westen getrieben und bewirkte einen radioaktiven Niederschlag (Fallout) über Nord- und Mitteleuropa. Diese Havarie machte den Ortsnamen „Tschernobyl“ zum Synonym für Gefahren der Kernenergie und die unabsehbaren Folgen eines Super-GAUs."

Jahre später noch war es immer wieder Thema. Wenn wir Schwammerl suchen gingen hieß es, man kann sie nicht essen, weil sie verseucht sind. Wir hatten Sorge, von unseren Äpfeln im Garten krank zu werden und getrauten uns nicht die Kirschen zu essen.

Wir sangen laut die Lieder und hörten die alte Platte "Künstler gegen Zwentendorf". Das Lied von Marie, das blieb besonders hängen, und die Angst vor der Atomenergie. Aber 17 Stunden und 1550 Kilometer entfernt war noch viel mehr Angst!

© MonaLena