Von Toten lernen

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Von Toten lernen | story.one

Wie immer zu spät dran, keiner meiner Studienkollegen mehr zu sehen! In den langen Gängen hallen meine Schritte wieder, die den Schildern "Vorklinik" folgen. Geräuschvoll stolpere ich in einen Raum, von dem ich denke, es wäre nun endlich der richtige... aber falsch! Ganz falsch!

Etwa vierzig Augen starren mich an, etwa zwanzig starren leblos zur Decke. Der Raum ist gefüllt mit bekleideten Lebenden, die mit Nadel und Faden an unbekleideten Toten hantieren. Das ist Nähunterricht für angehende Ärzte, das ist Üben am "lebenden" Objekt, das ist weit entfernt von dem, was ich jemals sehen wollte! Frankenstein ist ein Witz dagegen!

Mit schock-steifen Knien drehe ich am Absatz um und kehre dem Horrorszenario den Rücken. Doch der Anblick hat sich mir in die Netzhaut gebrannt.

An der nächsten Ecke zeigt mir ein Schild den Weg nach oben. Okay, neuer Versuch! Hinter einer Flügeltüre treffe ich endlich auf meine Kollegen. Es ist sehr still im Raum, der Professor ist der einzige, der vor sich hin murmelt. Ich reihe mich ein, es geht im Gänsemarsch an Schaukästen vorbei, auf die ich auch gerne verzichtet hätte. Da sind Skelette von Kindern, da ist ein eingelegter Babykopf dem eine Wange fehlt, um die feinen Speicheldrüsen freigelegt betrachten zu können. Da sind Organe, Knochen, Schädel ... mir dreht sich langsam der Magen um, von dem ich nun ganz genau weiß, wie er von Innen aussieht.

An metallenen Tischen nehmen wir Platz, es sind dieselben wie im Untergeschoß. Kalter, grauer Stahl, sterile Nüchternheit! Mit seltsam steifen Tüchern verdeckt, liegen dort ungewöhnlich riechende Dinge verborgen. Wir ziehen Gummihandschuhe an, dann ziehen wir die Tücher weg und mich zieht es fast rückwärts vom Hocker. Da liegt ein Unterarm ohne Haut! Wem der wohl gehört hat? Ein menschliches Präparat zum Lernen und Begreifen. Die Muskeln und Sehnen sind funktionstüchtig. Wir ziehen dort und da, sehen wie sich Finger bewegen, Faszien, Sehnenscheiden, Muskelfasern... Das Grauen nimmt kein Ende, bis schlussendlich doch die Faszination siegt.

An einem anderen Tag vergaß ich meine Jacke und musste nochmal zurück in unseren Raum, der bereits für einen Augenärzte-Kongress vorbereitet wurde. Köpfe lagen da mit weit geöffneten Augen, bereit sich operieren zu lassen.

Man kann sich an alles gewöhnen, das habe ich dort gelernt! Am Ende des ersten Semesters lachten wir, makabere Späße mit den Resten eines Menschenlebens, um den Wahnsinn dort auszuhalten. Wir studierten, aßen unsere Jause und störten uns nicht weiter an all dem Tod um uns herum. Nur der feine Geruch, der sich überall an uns festzusetzen schien, war schwer zu verdrängen. Sogar wenn ich abends im Bett lag, konnte ich den wissenschaftlichen Tod noch an meinen Händen riechen. Nichts mochte ihn zu vertreiben!

Ich danke alle den Menschen, die sich dort zur Verfügung stellen, ich habe unfassbar viel gelernt. Wenn ich aber jemals dement werde, vergesse ich zuerst, was ich dort gesehen habe! Freiwillig!

© MonaLena