Über mir der Himmel

Der Wind hat mich berührt. Er war es. Ganz zärtlich und sacht. Zugleich kraftvoll, seine Energie. Bewegt, lebhaft wie die Schwalben, die über das Himmelsblau segelten. Flatterten, vom Wind gekost, getragen, durch die Luft gefächert. Plötzlich ihre Flügel anlegten, um zu beschleunigen. Knapp über der Wasseroberfläche abdrehten, um wieder nach oben zu kreiseln.

Der Wind, er ist sonst nicht mein liebster Freund. Zu stark, zu angriffig. Seine Kraft ist mir zu viel. Dringt unter die Haut und lässt mich frösteln. Aber heute?

Der Wind hat mich berührt. Also ob er mich bedeckte mit Liebkosungen. Freundlich, geduldig, beständig. Meine Nähe suchte, mir nahe kommen wollte.

Und ich ließ mich auf ihn ein. Bettete mich ins Gras und blickte zum Himmel hinauf. Über mir das grüne Blätterdach der Esche. Ihr Muster, ihre Form studierte ich, während der Wind sein Spiel fortsetzte. Ich mochte es. Spürte die Brise auf meinen Wangen, meiner Haut, meinen Beinen im untergehenden Licht der Sonne.

Das Blau des Himmels spähte durch die Zweige, immer tiefer sank mein Blick in die Unendlichkeit hinein. Ein Tagtraum? Ein Zustand von Glückseligkeit? Das Erkennen einer Dimension, eines Seinszustands? Ich weiß es nicht.

Der Wind blies warm und kühl zugleich. Über den See, ließ die Wellen tanzen, die ans Ufer brandeten. Schwungvoll, aber nicht grob, anmutig fast. Unaufhörlich dieses Plätschern und Glucksen, als säße ich am Meer. Im Hintergrund das Geläut der Abendglocken. Und das feine Surren, das von den Masten der Segelboote im Yachtclub herüber schwappte.

All die Klänge verwoben sich mit dem Strömen des Windes. Schenkten mir an diesem Ort, in diesem Augenblick, Ruhe und Präsenz.

Ich hörte auf zu denken, ließ mich fallen in das helle, weite, tiefe Blau und hörte meinen Namen: „Monika, ich bin bei dir. Ich schließe dich in meine Arme." Ein Lächeln, eine Wärme, ein Gefühl von innerster Zufriedenheit.

Ein Bild von meinem Vater, sein Gesicht, an das ich mich bis heute kaum erinnern kann. Nie erinnern konnte. Das augenblicklich, mit dem Schock über sein mich-Verlassen, verblasst war. "Papa, wo bist du? Wie siehst du aus? Geht es dir im Himmel gut?"

Heute sprach der Wind zu mir und brachte mir die Antwort.

Ich habe dich gehört. Deine Nähe gespürt. Dein Dasein. Gibt es etwas Schöneres?

© Monika Bayerl