Vulkanausbruch in Zell am See

Über den Alpenhauptkamm wälzen sich bedächtig blaue Wolkenbänke und verdunkeln das Südufer des Sees. Abendliche Ruhe und Beschaulichkeit schaukeln auf dem Wasser. Im Herzen schwingt noch der wunderschöne Ausblick von der Tageswanderung zur Enzianhütte. Gleich hinter dem Haus in Thumersbach waren sie die Stufen, die zum Waldrand führen, hochgeklettert, weiter entlang der Erlbergstraße, durch den Wald und über die Viehweide mit ihrem gelb-lila Blütenteppich gewandert.

Nach jeder Kurve hatten sie innegehalten, um die atemberaubende Sicht auf den tiefblauen Zeller See, die Häuser und Apartments, die sich an den Sonnberg lehnen, die Schmitten, die darüber thront und das hinter Schüttdorf und Kaprun aufragende Kitzsteinhorn, aufzusaugen. Hatten Urlaubsbilder mit dem Herzen fotografiert, um zuhause im Alltag möglichst lange davon zehren zu können.

Nun bricht sanft die Abenddämmerung herein, auch auf der Terrasse des Wieshofs gleich neben Tauernklinikum und Campingplatz. Alles wirkt entspannt und harmonisch, wären da nicht die unausgesprochenen Worte, die von innen nagen und toben. Als das Essen abserviert und die Serviette zur Seite gelegt ist, unternimmt sie erneut einen Versuch, anzukommen. Er misslingt, was das Fass zum Überlaufen und ihre Fassung zum Einstürzen bringt.

„Ich geh spazieren“, presst sie unter Tränen hervor und verschwindet Richtung Seepromenade, auf der Flucht vor dem ausbrechenden Gefühlsvulkan. Er brodelt und schäumt und spuckt und stürzt sie schlagartig in einen Zustand tiefer Verzweiflung. Erschöpft lässt sie sich auf eine Bank fallen und den Lavastrom im schützenden Dunkel der Alleebäume aus sich herausfließen. Hinter dem Tränenschleier blinken die Lichter des Grand Hotels, reihen sich gelbe und orange Tupfer aneinander, widerspiegeln sich auf der Wasseroberfläche und schicken schmale Lichtstreifen herüber. „Wie kann ich an diesem wunderbaren Platz so traurig sein?“ Sie versteht sich selbst gerade nicht, außer, dass sie Wut, Enttäuschung und Verzweiflung in sich trägt. Das Warum liegt irgendwo weit weg verborgen.

„Es tut mir leid“, schluchzt sie, als er sich zu ihr setzt und ihren zitternden Körper wärmend umarmt. „Mir auch.“ Beide blicken, von den eigenen Empfindungen aufgewühlt, aufs ruhige Wasser hinaus. Ein paar Takte Stille im Konzert der großen Erschütterung. „Weißt du, was ich jetzt gern machen würde?“ Er kennt sie schon zu gut: „Schwimmen gehen!“

Ihre Augen beginnen wieder zu funkeln. Sie blicken sich verstohlen nach nächtlichen Spaziergängern um. Jetzt ergreift eine plötzlich durchbrechende Lebensenergie, die sie so liebt, von ihr Besitz. Sie will nichts anderes, als wieder das pure Leben spüren, in den Fluten alles Belastende abspülen. Ihre Füße tragen sie durch das seichte, schwarze Wasser, dessen Kühle auf der Haut prickelt. Sie dreht sich lachend um und sieht die Zuneigung in seinen Augen. Dann taucht sie dankbar ein - in das Wasser des Zeller Sees.

© Monika Bayerl