Adaeze – kleine Prinzessin

Es ist kalt draußen, Anfang November. Vor dem Eingang zum Supermarkt lächelt er mir zu. So freundlich, dass ich den Gruß erwidere. Nach dem Einkauf, als ich mein Wagerl zurückstelle, spricht er mich an: „Wie geht’s dir?“ Sein Lächeln weitet mein Herz. „Gut, und dir?“, frage ich prompt und blicke ihm in die Augen. Schüchtern und zurückhaltend verläuft diese Begegnung, aber in der Mitte ist da eine angenehme Wärme.

Einige Wochen später sehe ich ihn wieder und freue mich. Obwohl ich ihn nicht kenne, mag ich diesen jungen Mann. Man weiß gar nicht wieso, spürt es einfach. Diesmal erfrage ich seinen Namen: Nolan aus Nigeria - und kaufe ihm eine Zeitung ab. „Ich bin da drinnen“, meint er stolz und deutet auf die Titelseite. Aha, ein Bericht also über Nolan, den Straßenzeitungsverkäufer, seine Flucht nach Österreich vor zwei Jahren und über seine Träume und bitteren Erfahrungen in der Heimat.

Ich bin nachdenklich und berührt. Reisen wir nicht alle gerne in die Ferne? Und wenn sie, hilfesuchende Menschen, zu uns kommen? Was passiert da mit uns? Zögern, Ablehnung, Sorge, Angst. Auch ich bin vorsichtig, aber schließlich auch neugierig. Das nächste Mal unterhalten wir uns auf Englisch über unser beider Leben und darüber, dass er so gerne Deutsch lernen möchte. Ich glaube ihm, spüre seine Hoffnung und den Wunsch, anzukommen.

Unsere Begegnung erinnert mich an die vom kleinen Prinzen mit dem Fuchs. Sich vertraut machen vollzieht sich in kleinen, bedächtigen Schritten.

Im Caféhaus nebenan helfe ich ihm dabei, eine email zu schreiben. Irgendein Ansuchen, da sind auch Briefe vom Notar, die er nicht versteht. Auf einem Schreibblock notiere ich wichtige Vokabeln in Englisch und Deutsch. Interessiert saugt er alles auf, in seinem Gesicht spiegelt sich Dankbarkeit. Mehr als einen Kaffee möchte er nicht. Wir lachen zusammen und fühlen uns verbunden. Wenn er von traurigen Dingen spricht, die ihm widerfahren sind, werde ich schweigsam.

Ende Dezember erzählt er fröstelnd von seiner Angst vor der Abschiebung. Ich bin ratlos, dann treibe ich wenigstens einen warmen Pullover, Handschuhe und gebrauchte Winterstiefel auf, die ich ihm schenken kann. Das Telefonat mit den zuständigen Behörden bringt mich nicht voran, meine Möglichkeiten sind beschränkt. Ich bin wütend und traurig zugleich. Aber Nolan kämpft weiter. Ein anderer Verkäufer hat seinen Platz vor dem Supermarkt beansprucht. So verlieren wir uns leider aus den Augen.

Ein Jahr ist seither vergangen. Zu Weihnachten denke ich besonders an meinen nigerianischen Freund. Weil ich so lange nichts von ihm gehört habe, befürchte ich nichts Gutes. Da blinkt eine WhatsApp Nachricht auf und ich muss grinsen. Nolan hat vor einer Woche seine documents bekommen und darf in Österreich bleiben. Wow, mein Herz hüpft vor Freude. „Ich bin vater jetzt“, schreibt er und postet ein Foto von sich und seiner kleinen Tochter. Ich bin hingerissen und frage: „Wie heißt sie denn?“

Adaeze – kleine Prinzessin.

© Monika Bayerl