Apfelbaumtraum

Eine Metapher für das Leben

Auf der Wiese stand der Apfelbaum. Schon seit er denken konnte, war dies sein Platz gewesen und er fühlte sich verwurzelt und zufrieden. Jedes Jahr legte er seine ganze Kraft ins Wachsen, Blühen und Reifen, denn er wollte ein prächtiger, gesunder Baum werden.

In der Abenddämmerung grasten Rehe am Waldrand und blickten scheu zu ihm herüber. Er mochte sie gern, genauso wie die roten Mohnblumen auf dem Sommeracker und das emsige Schwirren der Bienen im Frühjahr. Einzig wenn der nasse, kalte Winter Einzug hielt, wurde der Apfelbaum etwas betrübt, denn er sehnte sich ungeduldig nach dem Kribbeln des Lebens.

Nun brach ein neuer Frühling auf der Wiese an. Das Bäumchen streckte sich und trieb erste Knospen und Blätter aus. Im warmen Sonnenlicht erwachte der Duft der Natur. So konnte es weitergehen… freute sich der Apfelbaum vom Stamm bis in die Blattspitzen.

Bis eines abends plötzlich ein wilder Sturm losbrach und über die grüne Wiese hinweg fegte. Das Prasseln des Regens, der herunterklatschte, ließ den Baum erschauern. Heftige Windböen zogen und zerrten an seinen Zweigen. Ihm wurde ganz schlecht vor Angst. Mit einem Krachen wurde sein großer, weit verzweigter Ast erbarmungslos vom Sturm weg gerissen, fort geschleudert und zerbrochen. Hilflos zitternd stand das Bäumchen da, bis es die Dunkelheit umfing. Dann begann es bitterlich zu schluchzen, viele Stunden lang.

Die Tage zogen ins Land und der Apfelbaum fühlte sich einsam und verloren. Seine Tränen hatten die Wunde zwar ein bisschen heilen lassen, aber er spürte den Schmerz noch deutlich. Er wusste nicht mehr, wer er – ohne seinen starken, blühenden Ast – war. Kummer erfüllte sein Inneres und er zog sich darin zurück.

Inzwischen ging draußen das Leben weiter:

Aus den übrigen, bestäubten Blüten wuchsen winzige Fruchtstände. Sonne und Regen wechselten sich ab und verschenkten gemeinsam ihre Kraft. Ein Schmetterling ließ sich auf einem Blatt nieder um dort neue Energie zu tanken. Schon konnte man kleine, grüne Äpfel in den Zweigen baumeln sehen. Der feine Sommerwind brachte das Blattwerk zum Schaukeln, kitzelte den Apfelbaum und lockte ihn aus seiner Trübsal hervor.

Von allen vier Himmelsrichtungen betrachtete er zum ersten Mal seine neue Form, die ihm so ungewohnt und verletzlich schien. Ich bin froh, dass ich am Leben bin… überlegte er und spürte dabei ein Gefühl von Dankbarkeit in sich aufsteigen. Ich hätte auch ganz zerbrechen können… Langsam kam ihm wieder sein Traum vom Leben in den Sinn, farbenfroh und schön. Ich will mutig sein! Er spürte, wie stark er aus sich selbst heraus und wie tief er mit der Erde verbunden war. Die Äpfel in seiner Krone strahlten vor Freude und wurden von Tag zu Tag praller und leuchtender. Das Leben hatte den Apfelbaum wieder!

Als der Obstbauer im Herbst auf die Wiese kam, schmunzelte er. Der vom Sturm so hart gebeutelte Baum, war prächtig und vollkommen. Herrliche Früchte hingen an seinen Zweigen. Wie hatte er das nur gemacht?

© Monika Bayerl