... da wäre ich gern eine Biene gewesen

Der Garten meiner Kindheit steckt voller Erinnerungen. Von klein auf habe ich dort gespielt und getobt. Diese Freiheit war unbeschreiblich schön. Einfach rausgehen zu können, niemanden fragen zu müssen, die Seele baumeln zu lassen, die Natur zu erforschen und die eigenen Kräfte zu entdecken. An jedem Ort des Gartens gab es andere Abenteuer ... mit jedem Plätzchen und Winkel verbinde ich ganz bestimmte Gefühle, Stimmungen und Erlebnisse.

Der Apfelbaum war wunderschön, knorrig und alt. Seine Äpfel waren die besten weit und breit, rotbackig und gelb, süß und saftig - Grafensteiner. Direkt vor unserer Terrasse, wo die Böschung sanft zum Rasen abfiel, stand sein niedriger, dicker Stamm. Die Rinde fühlte sich verwachsen und rau an. An jenen Stellen, wo wir Kinder ständig hinaufkraxelten, war sie abgegriffen und glatt.

Ich liebte unseren Apfelbaum für seine starken Äste, die mich mühelos tragen konnten. In einer Mulde machte ich es mir gemütlich oder ließ mich wie ein Äffchen kopfüber nach unten hängen, die Beine über den weit ausladenden Ast geschlungen. Kunststücke und Zirkusakrobatik waren dort angesagt. Ich fühlte mich sagenhaft unbeschwert in solchen Augenblicken. Mein Apfelbaum war immer gut zu mir. Jedes Jahr blühte er im zartrosa Kleid – noch heute ist die Apfelblüte meine Lieblingsblüte. Dieser sanfte Farbrausch, die winzigen Knospen in dunkelrosa und die feinen, gelben Staubgefäße. Da wäre ich gern eine Biene gewesen, um den Duft aus nächster Nähe inhalieren zu können.

Es gab noch einen Ort, an dem ich besonders gut aufgehoben war: in den Ästen der großen Weide. Sie war mein Freund, gerade dann, wenn ich traurig, ängstlich oder unglücklich war. Ihr Wuchs war etwas ganz Besonderes. Einen halben Meter über dem Boden teilte sich der Stamm und begann sich zu verzweigen. Gleich darüber wuchsen in alle Richtungen schmalere Zweige ab, die man wie eine Treppe benutzen konnte um hinaufzuklettern. Diese Weide war der tollste Baum auf dieser Erde. Ich hatte immer das Gefühl, er würde sich freuen, wenn ich in seinem Geäst herumturnte. Manchmal saß ich auch nur ganz still hoch oben und blickte in die Ferne. Hier wurde ich verstanden ohne zu sprechen. Immer war ich dort sicher und geborgen. Es gibt sogar dieses Foto von mir...

Viele Jahre später musste die Weide einer Stromleitung weichen, das war für meine Familie ein absolut trauriger Moment. Wir alle liebten diesen Baum, doch unser Protest blieb wirkungslos. So wurde er eines Tages umgesägt. Es war wie ein Sinnbild für den Abschied von der Kindheit. Je älter man wird, desto größer wird ja auch der Radius, in dem man sich bewegt. So verlor schließlich auch der Garten seine magische Atmosphäre, die mich über viele Kindheitsjahre angezogen hatte. Weil unser Elternhaus später verkauft wurde, bin ich nicht mehr dort gewesen. Aber dadurch bleibt er mir in dieser geheimnisvollen Erinnerung aus der Sicht des kleinen Mädchens, das ihn über alles liebte.

© Monika Bayerl