Die hat doch einen Vogel!

  • 191
Die hat doch einen Vogel! | story.one

Ein Geschichtenschatz aus Mamas Kindheit:

In den Sommerferien brachten Vati und Mutti die Kinderschar zum Seegrundstück. Oben an der Mattseer Landesstraße stand das Wegmacherhaus, wo sie übernachten konnten. Die Hütte am See sollte erst ein paar Jahre später gebaut werden. Über eine saftig grüne Wiese führte ein Trampelpfad durch abschüssiges Gelände bis zum Seeufer. Alte Bäume spendeten Schatten und säumten die kleine Bucht. Ein Platz wie geschaffen für unbeschwerte Kindertage, hätte die Kinderfrau nicht auf den täglichen Mittagsschlaf bestanden.

Tante Josefine schickte Helga und ihren jüngeren Bruder Peter hinauf ins Wegmacherhaus, wo auch die Frau des Wegmachers ihr Schlafgemach hatte. Diese war von spezieller Art. Sie duldete kein kindliches Geschnatter, schimpfte mit den Kindern, sie sollten endlich Ruhe geben. Da blieb kein kreativer Spielraum. Die neunjährige Helga kränkte sich. Sie sah nicht ein, warum sie täglich diese Stunde im stickigen Zimmer verbringen sollte, wo rundherum der Sommer mit seinem Heu- und Wildkräuterduft, seinem fröhlichen Glucksen und Zirpen so verlockend war.

„Ich bin doch kein Baby mehr!“ Aber da war nichts zu machen. Die strenge Frau forderte Gehorsam ein und verschwand. Peterle und Helga verzogen sich schmollend, wobei sie an der Rückwand des Schlafzimmers einen gestickten Wandbehang mit zierlichen Vöglein hängen sahen. Das Mädchen spuckte ihrem kleinen Bruder zu: „Dieses Bild passt gut zur Wegmacherin - die hat auch einen Vogel!“ In diesem Punkt waren sie sich einig.

„Jetzt reicht es mir!“ Oh Gott, hatte die Frau mit dem Vogel etwa hinter der Tür gelauscht? „So freche Gören! Euch werde ich keine Minute länger beaufsichtigen. Ihr fahrt jetzt auf der Stelle nach Hause zu den Eltern, dass ihr mir keine Scherereien mehr macht.“

Die Kinder wurden an diesem Nachmittag in den Bus gesetzt und mussten alleine die zwanzig Kilometer nach Salzburg fahren. Dabei schlotterten ihnen die Knie. Vati würde sie schrecklich ausschimpfen. Sie hatten Bauchweh und einen Kloß im Hals. Langsam setzte die Dämmerung ein. Wie zum Hohn begann es auch noch zu nieseln. Die kleine Helga verkroch sich in ihr dunkelgrünes Regencape. Ein einziger, schwerer Bußgang waren die letzten Schritte bis zur Haustür.

Vati musterte Tochter und Sohn mit strengem Blick: „Was habt ihr angestellt?“ Die Kinder rückten zaghaft mit der Wahrheit raus: „Wir haben gesagt, sie hat selber einen Vogel, so wie auf ihrer komischen Stickerei….“ Dem Vater entkam in diesem Moment angesichts der kindlichen Aufrichtigkeit ein Schmunzeln. Helga sah es genau, wie er seine lachenden Mundwinkel hinter einer Hand zu verbergen versuchte.

„Morgen ist Samstag, da fahren wir zum See und ihr werdet um Entschuldigung bitten.“ Für dieses Mal hatten sie Glück gehabt. Es gab keine Ohrfeige und kein Gezeter. Das laute Rumpeln aus dem Kinderzimmer lässt sich durch den Stein erklären, der den Kindern vom Herzen fiel.

© Monika Bayerl 21.09.2019