Die zweibeinige Revolution

Eine Hose hat zwei Beine, ja klar, was sonst? Aber vor hundert Jahren waren diese zwei Beine allein für das männliche Geschlecht bestimmt. Obwohl die Damenhose Ende des 19. Jahrhunderts schon im Kommen war. Allerdings mit Einschränkung: Frauen durften dieses moderne Zeug nur bei der Arbeit tragen. Und in Ausnahmefällen beim Sport. Es sollten noch mehrere Jahrzehnte verstreichen, bis sich diese Hosenbeine endlich bedenkenlos auch um weibliche Schenkel schmiegen durften. Und ich bin richtig stolz darauf, dass meine Mutter Teil dieser „zweibeinigen“ Revolution war:

Ein fast normaler Schultag des Jahres 1956/57 an der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe, kurz genannt Annahof. Mamas Mitschülerin Herta, siebzehn Jahre jung, traute sich das Ungehörigste:

Sie erschien in H O S E N zum Unterricht. Gleich mitgebucht war das Ticket für die Audienz bei der Frau Direktorin, die sie gütigst darauf hinwies, diese albernen Späßchen sein zu lassen. Sonst müsse man entsprechende Konsequenzen ergreifen. Doch sie hatte zu kurz gedacht, was einmal begonnen hatte, ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Mitschülerinnen taten, was zu tun war: Sie erklärten spontan ihre weibliche Solidarität und scherten sich nicht um die längst überholte Konvention. Eine Hose musste her, sofort, und zwar für alle Mädchen. Meine Mama besaß bis dato nur Kleider, Strümpfe, Röcke. Also versuchte sie sich bei ihren Eltern Gehör zu verschaffen, mit Erfolg! Es folgte ein exklusiver Ausflug in die (Mode-) Metropole München. Von dort kehrte sie glücklich mit ihrem Prachtstück im Gepäck heim: eine grün-blau-rot karierte Wollhose, todschick und ultramodern. Und hast du sie nicht gesehen marschierten sechzig weibliche Hosenbeine in der Klasse auf. Den Lehrerinnen und Lehrern blieb sprichwörtlich die Spucke weg. Darauf gab es nichts zu erwidern.

Eine sehr coole Aktion, wie ich finde! ;-)

© Monika Bayerl