Doppelte Gänsehaut

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Doppelte Gänsehaut | story.one

Beim Einsingen krieg ich schwer Luft, das erste Lied kratzt im Hals. Mit triefender Nase und verstopften Nebenhöhlen kein Wunder. Wir sind gerade mitten in den Hauptproben für unser Herbstkonzert. Alles ist auf Schiene: Plakate, Blumenschmuck, Getränke, Büffet, Outfit. Sogar den Text hab ich fertig. Daher mein Motto: Hilft’s net - schadt’s net. Jetzt soll sich bloß der Frosch, der mir im Halse sitzt, ein neues Zuhause suchen. Und ganz nebenbei denk ich mir: Jede Probe ist wichtig, ich will dabei sein… und wenn ich nur zuhöre! Normalerweise ist Singen ja die reinste Energietankstelle für mich und ich gehe jedes Mal beschwingt nach Hause. Die Chance lebt, dass es auch heute klappt.

Wir sind fast vollzählig, die Stimmung ist gelöst und erwartungsvoll. Werden wir das gesamte Programm, das wir uns vorgenommen haben, schaffen? Die Aufwärmphase habe ich ächzend überstanden. Nun volle Konzentration auf Stings wunderschöne Melodie. Wir proben den schwierigen Übergang zur zweiten Strophe. Meine Stimme klingt fester. Und nochmal von vorn: „You‘ll remember me, when the west wind moves, upon the Fields of Barley…“ Über dem Klavierintro schweben die zarten Töne der Solistin, danach setzen die anderen Stimmen ein und der Klang schafft eine Verbundenheit, die mir eine Gänsehaut zaubert. Ich schaue in die Runde und fange das Leuchten in den Augen der anderen Mädels auf. Ein musikalisches Strahlen erhellt den Raum und alle spüren es, so kommt mir vor. Bei Cindy Lauper lass ich mich endgültig fallen, es atmet und singt ganz von selbst aus mir heraus. Wir grooven alle gemeinsam den Refrain von Time after Time, how I love it! Der Konzertabend kann kommen, zufriedene Gesichter, erleichtertes Lachen, ja, es geht sich aus.

Intensivstation. Das Wort gleicht einem Blitzeinschlag.

Schwere Verletzungen nach einem Sturz. Mir bleibt kurz die Luft weg. Finstere Dissonanz in mir. Meine Freundin gefasst, aber sichtlich aufgewühlt. Tagelanges Bangen und Hoffen.

Vorsichtig frage ich nach, was passiert ist. Was sagen die Ärzte? Wie sind die Prognosen? Es wird wieder. Aber ihr Freund hat immenses Glück gehabt. Welche Tragik, ein morgendlicher Anruf aus der Klinik, ohne Vorwarnung eingeschlagen wie ein Meteorit. Herzrasen und gleichzeitig Stillstand im Gehirn, von Panik erfasst. Selbst beim Nacherzählen packt mich das Grauen und schüttelt mich innerlich. Wieder Gänsehaut, aber diesmal kalt gefroren. Aus dem Nichts heraus eine komplett veränderte Lebenssituation. Widerstand im Herzen gegen das Schicksal. Verwoben mit unglaublich großer Anspannung und Sorge. Die Schmerzen, das Unverständnis, die Erleichterung machen sich Luft, bahnen sich ihren Weg in ungeweinten und geweinten Tränen. Das gemeinsame Kind vermisst seinen Papa. Er wird bald nach Hause kommen. Hoffentlich gesund.

Sie ist stark, meine Freundin, sagt, der größte Trost ist die Familie, die für sie da ist. Und die Freunde, die zuhören. Mehr kann auch ich nicht tun.

© Monika Bayerl