#einfotoundseinegeschichte

Drei geheime Brüder

  • 137
Drei geheime Brüder | story.one

Drei streng geheime Brüder

Meine drei älteren Brüder und ich - das Nesthäkchen - wir konnten ganz schön Gas geben. Wir waren manchmal eine wilde Rasselbande, aber auch dick und fest verbunden. Zusammenhalten war (außer wenn es mal Streit gab) unser Motto. Im Sommer malten oft wir mit bunten Straßenkreiden ein Stoppschild und eine Haltelinie auf die kleine Nebenstraße, an die unser Garten grenzte. Gespannt warteten wir, ob ein Autofahrer stehen bleiben würde. Meine Brüder fuchtelten wild mit den Armen, wenn man sie ignorierte. Ich war meistens erleichtert, hätte ja Schimpf geben können.

Einmal beschlossen wir eine streng geheime Geheimbande zu gründen. Wir trafen uns zu absolut geheimen Sitzungen in einem streng geheim gehaltenen Schuppen im Garten. Puh! Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe für mich als Fünfjährige, keines dieser wertvollen Geheimnisse auszuplaudern. Es fiel mir sehr schwer, womöglich hielt ich nicht immer dicht.

Mein großer Bruder war der, der sich stets um seine Geschwister sorgte, sich verantwortlich fühlte und uns zeigte, wo es lang ging. Er hat schon mit acht Jahren seiner kleinen Schwester die Windeln gewechselt, darauf ist er bis heute stolz.

Mein jüngster Bruder war immer schon mein wichtigster Spielgefährte. Wir verbrachten ganze Nachmittage gemeinsam am Spielplatz, bauten kunstvolle Sandburgen oder Parcours für unsere Matchboxautos. Wir teilten auch ein gemeinsames Zimmer und eroberten mit unserem coolen Raumschiff das Weltall.

Mein mittlerer Bruder ist sechs Jahre älter als ich. Er war es, der mir das Radfahren beibrachte. Daran erinnere ich mich so gut, weil ich furchtbare Angst vor einem Sturz hatte, es aber unbedingt lernen wollte. Ich war fünf Jahre alt, setzte mich auf den Sattel und rief: „Wehe, du lässt mich los!“

Er versprach mir hoch und heilig, dass er mich festhalten würde. Ich stieg in die Pedale, schwankte hin und her, riss aufgeregt am Lenker und machte mir dabei fast in die Hose. So ging das ein paar Mal die Straße rauf und runter. In Begleitung meines Bruders, der nebenher rannte, andauernd mit einer Hand am Gepäckträger. „Hältst du mich eh fest?“, versicherte ich mich aufs Neue. Klar.

Und dann hob ich ab und flog. Was für tolles Gefühl! Ich hatte so viel Schwung, dass ich aus eigenem Vermögen davonsauste, ohne meinen Bruder. Eigentlich wollte ich mich beschweren, ich hatte mich ja auf ihn verlassen. Aber ich war zu sehr mit Gleichgewicht halten und treten beschäftigt. Auf einmal konnte ich alleine Rad fahren. Er hatte mir etwas zugetraut, was ich nicht für möglich gehalten habe!

© Monika Bayerl 22.04.2019

#einfotoundseinegeschichte