Engel, Harfe, Teufelsgraben

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Engel, Harfe, Teufelsgraben | story.one

Der warme Abendwind strich über das Gras. In der Feuerstelle prasselten die Flammen, das Holz knarzte. Rundherum standen Menschen, plauderten, prosteten sich zu und blickten über die Felder. Mir war wohlig zumute. Ein Sommerabend, wie bestellt für ein Konzert auf der Waldbühne. Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn. Hier oben am Seehamer Webersberg, beim Gasthof Schießentobel, gibt es einen magischen Veranstaltungsort. Eine kleine Bühne aus Brettern mitten im Wald versteckt. Im Hang oberhalb einfache Sitzbänke aus Holz. Jeder Besucher bringt seine Sitzunterlage selber mit. Etliche Meter unterhalb der Bühne fließt ein beschaulicher Bach durch den Teufelsgraben.

Beim Tobelmühlhof kann man gemütlich auf eine Jause einkehren oder sich mit dem Kugelmüller verabreden. Er bietet Führungen beim Wasserfall an. Dort, wo ein Wasserrad den kreisrunden Mühlstein in Bewegung hält. Darin lagen seinerzeit Marmor-Rohlinge, die über viele Stunden rund geschliffen und poliert wurden. Die Kugeln dienten den Seefahrern als Ballast für ihre Schiffe. Bei einem Spaziergang durch den Teufelsgraben kann man zur Ruhe kommen, seine Füße abkühlen, Steinmanderl bauen oder dem Geschnatter des Federviehs lauschen, das dort haust.

Nun hatten alle Besucher einen Platz gefunden. Die Wipfel der Fichten neigten sich im Abendwind. Zwei Scheinwerfer beleuchteten einen Sessel, ein kleines Tischchen mit einem Buch darauf und eine Harfe. Jetzt betrat Heidi Pixner, gebürtige Südtirolerin und Schwester von Herbert Pixner, die Bühne und nahm Platz. Ihre lockigen Haare fielen ihr auf die Schultern. Nun setzte sie ihre schlanken Hände an die Saiten ihres Instruments und begann zu spielen. Da stiegen sphärische Klänge empor, umkreisten die Bäume, spielten mit dem Wind und legten sich wie Samt und Seide ums Gemüt. Zartheit und Leidenschaft tanzten zusammen einen Reigen. Ich war hin und weg. Melodien als Seelenbalsam. Es war mir, als ob ich mit dem Harfenklang verschmelzen würde. Zwischen den einzelnen Musikstücken griff Heidi Pixner zu ihrem Buch, um dem Publikum mit inspirierender Stimme daraus vorzulesen. Spannende und tiefsinnige Geschichten. Auch das wunderschöne Gedicht von Rainer Maria Rilke:

Über die Geduld

...Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt

und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,

so sorglos, still und weit…

Ich weinte vor Rührung. Und weil ich die Zeit anhalten wollte, weil ich diesen Moment noch länger genießen wollte. Diese besondere Nacht. Es war die Nacht, in der meine liebe Nichte geboren wurde. Ein kleiner Engel.

© Monika Bayerl 23.06.2019